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Wenn Kinder ihre Welt entdecken – und wir uns selbst begegnen

Über Entwicklung, Beziehung und die Frage, was das Verhalten unserer Kinder in uns berührt

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Bindung, Trauma, Identität und menschlicher Entwicklung. Dieses Interesse ist nicht nur theoretisch. Ich bin auch Vater.

Meine Kinder sind heute Teenager und auf dem Weg, junge Frauen zu werden. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich besonders an die kleinen Augenblicke ihrer Entwicklung.

Ich beobachtete, wie sie lernten, sich zu drehen, zu krabbeln, aufzustehen und zu gehen. Wie sie ihre Hände entdeckten, nach Dingen griffen und allmählich verstanden, was sie mit ihrem Körper bewirken konnten.

Später sah ich ihnen beim Klettern, Balancieren, Spielen mit Sand und Wasser oder beim Malen zu.

Oft sass ich da und beobachtete – einfach nur schön … und still.

Ich sah, wie sie ausprobierten, hinfielen, wieder begannen und ihre Welt mit allen Sinnen entdeckten. Ich erinnere mich an ihre strahlenden Augen, wenn sie mir voller Stolz zeigten, was sie entdeckt, gebaut oder gemalt hatten – und mir etwas davon als Geschenk überreichten.

In solchen Augenblicken wurde unsere Beziehung besonders spürbar.

Beziehung ist fortwährend da, wenn wir sie leben – in unserer Aufmerksamkeit, unseren Blicken, unserer Sprache, Berührung und unserem Dasein miteinander.

Kinder entwickeln sich in Beziehung. Die Bedeutung früher Beziehung und Bindung begegnet uns aus unterschiedlichen Perspektiven in den Arbeiten von John Bowlby, Ludwig Janus, Gordon Neufeld und Gabor Maté.

Ein Kind entdeckt mit seinem ganzen Körper

Ein kleines Kind greift, hört, riecht, schmeckt und bewegt sich. Es fällt hin und steht wieder auf. Es erfährt Nähe und Entfernung, Gleichgewicht und Schwerkraft, Oberflächen, Temperaturen und Materialien.

Auch wenn ein Kind Dinge in den Mund nimmt, erkundet es seine Welt. Der Mund ist in der frühen Entwicklung ein wichtiger Teil dieser sinnlichen Erfahrung.

Ähnlich ist es, wenn ein Kind einen Gegenstand immer wieder fallen lässt oder wegwirft.

Was für uns Erwachsene vielleicht anstrengend ist, kann für das Kind eine Entdeckung sein:

Was geschieht, wenn ich loslasse?
Wohin fällt der Gegenstand?
Welches Geräusch entsteht?
Was kann meine Hand bewirken?

Das Kind „macht“ nicht einfach irgendetwas. Es erforscht.

Was geschieht dabei in mir?

Und genau hier lohnt es sich, den Blick auch auf uns selbst zu richten.

Was geschieht mit mir als Mutter oder Vater, wenn ich mein Kind dabei beobachte?

Was geschieht, wenn mein Kind mit dreckigen Händen etwas in den Mund nimmt, zum fünften Mal den Löffel fallen lässt oder etwas noch nicht kann, von dem ich meine, es müsste das längst können?

Werde ich unruhig? Ungeduldig? Wütend?

Was macht mich gerade eigentlich so wütend?

Geht es wirklich nur um das, was mein Kind gerade tut?

Oder erinnert mich etwas daran, wie mit mir selbst umgegangen wurde?

Wie war es für mich, wenn ich etwas verschüttete, schmutzig wurde, etwas nicht verstand oder immer wieder ausprobieren wollte?

Bekam ich die Zeit, die ich brauchte?

War jemand emotional für mich da?

Oder wurde von mir etwas verlangt, wozu ich aufgrund meiner Entwicklung noch gar nicht in der Lage war?

Es kann sein, dass unser Kind in solchen Augenblicken etwas berührt, das viel älter ist als die gegenwärtige Situation.

Eine Erfahrung von Unverständnis.

Von Überforderung.

Von Alleinsein.

Von zu hohen Erwartungen.

Dann stellt sich für mich eine wichtige Frage:

Gehört meine Wut wirklich meinem Kind – oder berührt mein Kind gerade etwas aus meiner eigenen Geschichte?

Das bedeutet nicht, dass jede Wut gegenüber einem Kind aus der eigenen Kindheit oder einem Trauma stammt. Wir können müde, gestresst oder überfordert sein.

Aber unsere Reaktionen können uns einladen, genauer hinzusehen.

Was gehört zu meinem Kind – und was gehört zu mir?

Zur Beziehung mit meinem Kind gehört für mich deshalb nicht nur, das Kind wahrzunehmen.

Es bedeutet auch, mich selbst wahrzunehmen: meine Gefühle, meine Erwartungen, meine Grenzen und meine eigene Geschichte.

Nicht um mich zu verurteilen, sondern um unterscheiden zu können:

Was gehört zu meinem Kind – und was gehört zu mir?

Diese Unterscheidung kann wichtig sein, damit alte Erfahrungen nicht unbewusst in die nächste Generation weitergetragen werden.

Was zeigt uns die Forschung über Lesen und Bildschirmzeit?

An dieser Stelle finde ich eine Untersuchung von Tzipi Horowitz-Kraus und John S. Hutton besonders interessant.

Die Forschenden untersuchten 19 Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren und betrachteten mithilfe von MRT die funktionelle Vernetzung einer für das Lesen wichtigen Hirnregion mit anderen Bereichen des Gehirns.

Mehr Zeit mit Lesen war dabei mit stärkerer funktioneller Vernetzung zu Regionen verbunden, die unter anderem Sprache, visuelle Verarbeitung und kognitive Kontrolle unterstützen.

Mehr Zeit mit Bildschirmmedien war dagegen mit geringerer funktioneller Vernetzung bestimmter dieser Regionen verbunden.

Wichtig: Die Untersuchung zeigt einen Zusammenhang. Sie beweist nicht, dass Bildschirmzeit diese Veränderungen verursacht.

[HIER DIE ABBILDUNG MIT DEN BEIDEN GEHIRNEN EINFÜGEN]

Bildunterschrift:

Lesen und Gehirnvernetzung
Mehr Lesezeit war mit stärkerer funktioneller Vernetzung von Regionen für Sprache, visuelle Verarbeitung und kognitive Kontrolle verbunden.

Bildschirmzeit und Gehirnvernetzung
Mehr Bildschirmzeit war mit geringerer funktioneller Vernetzung bestimmter sprach- und kontrollbezogener Hirnregionen verbunden.

Horowitz-Kraus & Hutton, Acta Paediatrica, 2018. 19 Kinder, 8–12 Jahre. MRT-Studie. Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge und beweisen keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung.

Die Welt entdecken – in Beziehung

Für mich führt diese Forschung zurück zu einer grundlegenden Frage:

Welche Erfahrungen braucht ein Kind für seine Entwicklung?

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Welche Erfahrungen braucht ein Kind also vorzugsweise für seine Entwicklung?

Ein Bildschirm kann Bilder und Töne vermitteln.

Aber er kann nicht ersetzen, was geschieht, wenn ein Kind Sand zwischen seinen Fingern spürt, seinen Körper beim Klettern erlebt, einen Gegenstand fallen lässt, einen Menschen anschaut oder eine Antwort auf seinen eigenen Gesichtsausdruck erhält.

Das Kind ist nicht Zuschauer seiner Welt.

Es ist Teil von ihr.

Und es entdeckt diese Welt in Beziehung.

Darum ein kleiner Denkanstoss für den nächsten Restaurantbesuch:

Was geschieht, wenn das Smartphone einmal in der Tasche bleibt?

Vielleicht reichen Papier und Farbstifte, ein kleines Wimmelbuch – oder einfach die Welt, die es gerade zu entdecken gibt.

Und während wir unser Kind beobachten, können wir zugleich wahrnehmen:

Was geschieht gerade in meinem Kind – und was geschieht dabei in mir?

Meine Kinder brauchen heute keinen Sandkasten mehr. Heute beobachte ich, wie aus Kindern junge Frauen werden – und ihre Freude daran.

Geblieben sind meine Freude und mein Stolz, sie beim Wachsen und Werden begleiten zu können.

Und geblieben ist für mich eine Frage, die weit über die Kindheit hinausreicht:

Was können wir über uns selbst erfahren, wenn wir einem anderen Menschen wirklich begegnen?


Quelle zur Gehirnabbildung

Tzipi Horowitz-Kraus & John S. Hutton: Brain connectivity in children is increased by the time they spend reading books and decreased by the length of exposure to screen-based media. Acta Paediatrica, 2018; 107(4):685–693. DOI: 10.1111/apa.14176.

Über den Autor

Christian Strässle begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.

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