Es gibt Erfahrungen im Leben, in denen wir tatsächlich Opfer sind. Uns geschieht etwas, das wir nicht gewählt haben und vielleicht auch nicht verhindern konnten.
Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, Demütigung, Verlust oder andere Grenzverletzungen werden nicht dadurch weniger real, dass wir uns später mit unserer eigenen Verantwortung beschäftigen.
Opfer geworden zu sein ist keine Rolle.
Und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen bedeutet nicht, die Verantwortung für das zu übernehmen, was andere Menschen uns angetan haben.
Diese Unterscheidung ist mir wichtig.
Wenn Erfahrungen weiterwirken
Was wir erleben, kann Spuren hinterlassen.
Manche Möglichkeiten, mit schwierigen oder überwältigenden Erfahrungen umzugehen, können einmal notwendig gewesen sein. Sie können uns geholfen haben, mit Angst, Ohnmacht, Schmerz, Wut oder Einsamkeit zurechtzukommen.
Nicht immer sind uns diese Zusammenhänge bewusst.
Vielleicht reagieren wir heute in bestimmten Situationen sehr stark. Vielleicht ziehen wir uns zurück, obwohl wir uns eigentlich Nähe wünschen. Vielleicht geraten wir immer wieder in ähnliche Konflikte. Oder wir merken, dass wir an etwas festhalten, obwohl wir längst spüren, dass es uns nicht mehr entspricht.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine heutige Reaktion auf eine bestimmte frühere Erfahrung zurückzuführen ist.
Aber wir können uns fragen:
Was geschieht gerade in mir?
Womit könnte meine Reaktion verbunden sein?
Was davon gehört zu meiner heutigen Situation – und was könnte eine längere Geschichte haben?
Was einmal Schutz war
Ich glaube nicht, dass wir schwierige Verhaltensweisen einfach deshalb entwickeln, weil mit uns etwas nicht stimmt.
Manches kann verständlicher werden, wenn wir uns fragen, was ein Mensch erlebt hat und welche Möglichkeiten ihm damals zur Verfügung standen, damit umzugehen.
Was heute hinderlich erscheint, kann zu einer anderen Zeit eine wichtige Funktion gehabt haben.
Was einmal Schutz war, kann uns heute daran hindern, so zu leben, wie wir eigentlich leben möchten.
Das bedeutet nicht, dass jede Schwierigkeit eine Überlebensstrategie ist oder mit Trauma erklärt werden muss.
Es bedeutet für mich vielmehr, nicht vorschnell über mich oder einen anderen Menschen zu urteilen.
Verstehen bedeutet nicht entschuldigen
Wenn wir beginnen, Zusammenhänge in unserer Geschichte wahrzunehmen, kann eine schwierige Frage auftauchen:
Wenn ich verstehe, weshalb ein Mensch so gehandelt hat – entschuldige ich damit, was er getan hat?
Für mich lautet die Antwort: Nein.
Etwas zu verstehen bedeutet nicht, es zu entschuldigen.
Ich kann versuchen zu verstehen, weshalb ein Mensch bestimmte Verhaltensweisen entwickelt hat, und gleichzeitig anerkennen, dass sein Verhalten mich verletzt hat.
Ich kann verstehen, dass auch ein anderer Mensch eine eigene Geschichte hat, ohne seine Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.
Und ich kann anerkennen, dass mir Unrecht geschehen ist, ohne für den Rest meines Lebens darauf reduziert zu sein.
Beides kann nebeneinander bestehen.
Verantwortung bedeutet nicht Schuld
Verantwortung und Schuld sind für mich nicht dasselbe.
Ich bin nicht verantwortlich für alles, was mir in meinem Leben widerfahren ist.
Als Kind hatte ich beispielsweise nicht dieselben Möglichkeiten wie heute, Grenzen zu setzen, eine Situation zu verlassen oder mich zu schützen.
Heute kann die Frage eine andere sein:
Wofür kann ich in meinem heutigen Leben Verantwortung übernehmen?
Vielleicht für eine Entscheidung.
Für eine Grenze, die ich wahrnehme.
Für die Art, wie ich mit einem anderen Menschen spreche.
Für die Frage, ob ich in einer Beziehung bleiben möchte.
Oder dafür, mich mit etwas auseinanderzusetzen, das mein Leben bis heute beeinflusst.
Verantwortung bedeutet für mich deshalb nicht:
„Ich bin selbst schuld.“
Sondern eher:
„Was geschehen ist, kann ich nicht verändern. Aber ich kann zunehmend wahrnehmen, welche Möglichkeiten ich heute habe.“
Und was ist mit Wut?
Wenn uns Unrecht geschehen ist, kann Wut eine nachvollziehbare Reaktion darauf sein.
Lange dachte ich, schwierige Gefühle müssten irgendwann verschwinden oder sich in etwas anderes verwandeln.
Heute sehe ich das anders.
Ich muss meine Wut nicht in Liebe verwandeln.
Ich habe jedoch die Möglichkeit, wahrzunehmen, was vielleicht mit ihr verbunden ist.
Vielleicht Schmerz. Vielleicht Ohnmacht. Vielleicht eine Grenze, die verletzt wurde. Vielleicht etwas ganz anderes.
Und vielleicht weiss ich es zunächst auch nicht.
Für mich geht es nicht darum, ein Gefühl möglichst schnell loszuwerden. Es kann vielmehr darum gehen, wahrzunehmen, was geschieht, und dabei mit mir selbst in Kontakt zu bleiben.
Selbstbestimmung bedeutet nicht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen
Manchmal wird persönliche Entwicklung so dargestellt, als müssten wir unsere Vergangenheit irgendwann überwunden haben.
Dieses Bild entspricht mir nicht.
Unsere Geschichte gehört zu uns.
Manche Erfahrungen werden vielleicht auch nach vielen Jahren noch Gefühle auslösen. Manche Fragen bleiben offen. Und nicht jede Verletzung lässt sich in etwas Positives verwandeln.
Selbstbestimmung bedeutet für mich deshalb nicht, dass die Vergangenheit keine Bedeutung mehr haben darf.
Vielleicht geht es vielmehr darum, unterscheiden zu können:
Was ist mir geschehen?
Was habe ich daraus gelernt, um mit meinem Leben zurechtzukommen?
Was davon brauche ich heute noch?
Und wo habe ich heute Möglichkeiten, anders zu entscheiden?
Zwischen Opfersein und Selbstbestimmung
Es kann wichtig sein, anzuerkennen, dass wir Opfer geworden sind.
Denn wenn wir erlebtes Unrecht vorschnell relativieren, besteht die Gefahr, dass wir Verantwortung für etwas übernehmen, das nicht unsere Verantwortung war.
Genauso kann es wichtig werden, wahrzunehmen, wo wir heute Handlungsmöglichkeiten haben.
Nicht weil das Geschehene dadurch ungeschehen wird.
Nicht weil wir vergeben müssen.
Nicht weil wir „loslassen“ sollten.
Sondern weil unser heutiges Leben mehr sein kann als das, was uns widerfahren ist.
Vielleicht liegt Selbstbestimmung nicht darin, die eigene Geschichte hinter sich zu lassen. Sondern darin, wahrzunehmen, welchen Einfluss sie heute noch hat und wo eigene Entscheidungen wieder möglich werden.
Für mich beginnt Verantwortung deshalb nicht mit der Frage:
„Wer ist schuld?“
Sondern mit einer anderen:
„Was gehört heute zu mir – und wie möchte ich damit leben?“
Über den Autor
Christian Strässle begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumtheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.