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Kindheit verstehen, Vaterschaft neu denken – Impulse von Jesper Juul

Vater zu sein bedeutet für mich nicht nur, ein Kind zu begleiten. In der Beziehung zu unseren Kindern können wir auch unserer eigenen Geschichte begegnen. Jesper Juuls Gedanke der Gleichwürdigkeit lädt dazu ein, Kinder in ihrer Würde und Integrität ernst zu nehmen – und zugleich wahrzunehmen, was ihr Verhalten in uns selbst berührt.

Vater zu werden verändert nicht nur die Beziehung zu einem Kind.

Es kann auch den Blick auf die eigene Kindheit verändern.

Vielleicht erinnern wir uns daran, wie unser Vater mit uns umgegangen ist.

Wie in unserer Familie mit Gefühlen umgegangen wurde.

Ob ein Nein gehört wurde.

Ob wir widersprechen konnten.

Ob unsere Bedürfnisse einen Platz hatten.

Oder ob Anpassung, Leistung, Gehorsam oder das Funktionieren wichtiger waren als das, was in uns geschah.

Nicht jeder Vater beschäftigt sich bewusst mit solchen Fragen.

Manchmal tauchen sie erst im Alltag mit dem eigenen Kind auf.

Dann, wenn das Kind Nein sagt.

Wenn es wütend wird.

Wenn es nicht tut, was wir von ihm erwarten.

Wenn es weint und sich nicht beruhigen lässt.

Oder wenn wir plötzlich merken, dass wir selbst ganz anders reagieren, als wir eigentlich reagieren wollten.

Ein Kind ist nicht weniger wert als ein Erwachsener

Ein Gedanke von Jesper Juul ist für mich besonders wichtig: die Gleichwürdigkeit.

Gleichwürdigkeit bedeutet nicht, dass Kinder und Erwachsene gleich sind.

Ein kleines Kind hat andere Möglichkeiten als ein Erwachsener. Es ist abhängig von uns. Erwachsene tragen Verantwortung für Entscheidungen, Schutz und Orientierung.

Gleichwürdigkeit bedeutet für mich etwas anderes:

Die Gefühle, Bedürfnisse, Grenzen und die persönliche Integrität eines Kindes sind nicht weniger bedeutsam, nur weil es ein Kind ist.

Ein Kind kann beispielsweise wütend darüber sein, dass sein Vater eine Grenze setzt.

Der Vater muss deshalb seine Grenze nicht aufgeben.

Aber die Wut des Kindes muss auch nicht falsch sein.

Beides kann gleichzeitig vorhanden sein.

Der Vater kann sagen:

„Nein, das möchte ich nicht.“

Und das Kind kann darüber wütend sein.

Gleichwürdigkeit bedeutet für mich deshalb nicht, Konflikte zu vermeiden.

Sie verändert vielmehr die Frage, wie wir einander in einem Konflikt begegnen.

Wie wurde mir als Kind begegnet?

Wenn ich mich mit Gleichwürdigkeit beschäftige, komme ich irgendwann auch bei meiner eigenen Geschichte an.

Wie wurde mit mir gesprochen?

Wurde mir zugehört?

Was geschah, wenn ich widersprach?

Wie wurde mit meiner Wut umgegangen?

Was geschah, wenn ich Angst hatte?

Durfte ich traurig sein?

Wie wurden Grenzen gesetzt?

Was geschah, wenn meine Bedürfnisse nicht zu den Bedürfnissen der Erwachsenen passten?

Dabei geht es für mich nicht darum, die eigene Kindheit nachträglich in gut oder schlecht einzuteilen.

Und es geht auch nicht darum, Eltern vorschnell zu verurteilen.

Etwas zu verstehen bedeutet nicht, es zu entschuldigen.

Ich kann anerkennen, was mir gefehlt oder was mich verletzt hat.

Und gleichzeitig kann ich versuchen zu verstehen, unter welchen Bedingungen meine Eltern selbst gelebt haben und welche Geschichte sie mitgebracht haben.

Beides kann nebeneinander bestehen.

Was einmal Schutz war

Als Kinder entwickeln wir Möglichkeiten, mit den Bedingungen zurechtzukommen, in denen wir leben.

Vielleicht lernen wir, still zu sein.

Vielleicht passen wir uns an.

Vielleicht werden wir besonders leistungsfähig.

Vielleicht versuchen wir, Konflikte zu vermeiden.

Vielleicht ziehen wir uns zurück.

Vielleicht kämpfen wir.

Oder wir entwickeln ein sehr feines Gespür dafür, wie es anderen Menschen geht, während wir kaum noch wahrnehmen, was in uns selbst geschieht.

Für mich ist dabei eine Unterscheidung wichtig:

Diese Reaktionen sind nicht einfach Fehler, die beseitigt werden müssen.

Sie können einmal eine wichtige Bedeutung gehabt haben.

Was einmal Schutz war, kann uns heute daran hindern, so zu leben, wie wir eigentlich leben möchten.

Und manchmal merken wir das besonders deutlich in der Beziehung zu unseren Kindern.

Wenn mein Kind etwas in mir auslöst

Vielleicht habe ich mir vorgenommen, niemals so mit meinem Kind umzugehen, wie mein Vater mit mir umgegangen ist.

Und dann kommt eine Situation, in der mein Kind mich anschreit.

Oder nicht gehorcht.

Oder mir widerspricht.

Und plötzlich bin ich unglaublich wütend.

Vielleicht werde ich laut.

Vielleicht ziehe ich mich zurück.

Vielleicht möchte ich die Situation sofort kontrollieren.

Vielleicht fühle ich mich respektlos behandelt.

Oder ich merke eine Ohnmacht, die kaum zur gegenwärtigen Situation zu passen scheint.

Dann ist für mich eine wichtige Frage nicht nur:

„Was macht mein Kind gerade?“

Sondern:

„Was geschieht gerade in mir?“

Das Verhalten meines Kindes kann etwas in mir berühren.

Vielleicht etwas, das ich selbst als Kind erlebt habe.

Vielleicht etwas, das ich damals nicht ausdrücken konnte.

Vielleicht eine Grenze, die nicht respektiert wurde.

Vielleicht eine Angst.

Eine Ohnmacht.

Eine Wut.

Oder ein Bedürfnis, für das damals kein ausreichender Raum vorhanden war.

Das muss nicht so sein.

Aber die Möglichkeit ernst zu nehmen, kann einen anderen Blick auf den Konflikt eröffnen.

Die Stärke eines Gefühls ernst nehmen

Manchmal ist ein Gefühl im gegenwärtigen Moment sehr stark.

Vielleicht schreit mein Kind – und in mir entsteht eine kaum auszuhaltende Wut.

Vielleicht zieht es sich zurück – und ich bekomme grosse Angst, den Kontakt zu verlieren.

Vielleicht sagt es Nein – und ich erlebe dieses Nein beinahe wie einen Angriff gegen mich.

Dann kann die Intensität meines Gefühls eine Information sein.

Nicht als Beweis dafür, was in meiner Vergangenheit geschehen ist.

Aber als Anlass, genauer hinzuschauen.

Was berührt mich hier so stark?

Wovor habe ich gerade Angst?

Was geschieht in meinem Körper?

Was möchte ich am liebsten tun?

Kenne ich dieses Gefühl?

Und vielleicht irgendwann:

Womit könnte es in meiner Geschichte verbunden sein?

Für mich geht es dabei nicht darum, das Gefühl möglichst schnell loszuwerden.

Es kann darum gehen, ihm zu begegnen und seinen Zusammenhang besser zu verstehen.

Mein Kind ist nicht meine Vergangenheit

Diese Unterscheidung ist für mich wesentlich.

Mein Kind ist nicht mein Vater.

Es ist nicht meine Mutter.

Es ist nicht der Mensch, der mich früher verletzt, verlassen, beschämt oder überfordert hat.

Und trotzdem kann mein Körper oder mein emotionales Erleben in einer gegenwärtigen Situation etwas wahrnehmen, das mit früheren Erfahrungen in Verbindung steht.

Dann können Vergangenheit und Gegenwart für einen Moment sehr nahe zusammenrücken.

Je besser ich wahrnehmen kann, was in mir geschieht, desto eher kann vielleicht eine Unterscheidung möglich werden:

Was geschieht tatsächlich zwischen meinem Kind und mir?

Und:

Was wird dabei in mir selbst berührt?

Mein Kind kann etwas aus meiner Geschichte berühren. Aber mein Kind ist nicht meine Geschichte.

Diese Unterscheidung kann für mich ein wichtiger Teil von Verantwortung sein.

Heute habe ich andere Möglichkeiten

Als Kind hatte ich nicht dieselben Möglichkeiten wie heute.

In sehr frühen Lebensphasen hatte ich vielleicht noch keine Worte für das, was mit mir geschah.

Später konnte ich vielleicht sprechen, aber es gab trotzdem Situationen, in denen ein Nein, eine Grenze oder ein Gefühl keinen ausreichenden Platz hatte.

Heute bin ich erwachsen.

Das Vergangene kann ich nicht verändern.

Aber meine Möglichkeiten im Heute sind andere.

Ich kann wahrnehmen, dass ich wütend werde.

Ich kann sprechen.

Ich kann Nein sagen.

Ich kann eine Grenze setzen.

Ich kann eine Situation unterbrechen.

Ich kann weinen.

Ich kann mich bewegen oder mich schütteln, wenn das meinem gegenwärtigen Erleben entspricht.

Ich kann jemanden um Unterstützung bitten.

Und ich kann versuchen, Worte für etwas zu finden, für das ich früher vielleicht keine Worte hatte.

Für mich liegt darin ein wesentlicher Unterschied zwischen damals und heute.

Wut macht mich nicht zu einem schlechten Vater

Gerade im Zusammenhang mit Kindern kann Wut schnell mit Schuld oder Scham verbunden sein.

Ein Vater sollte ruhig sein.

Geduldig.

Souverän.

Verständnisvoll.

Aber Väter sind Menschen.

Auch ich kann wütend sein.

Für mich ist deshalb nicht entscheidend, Wut grundsätzlich zu vermeiden.

Die Frage ist vielmehr, wie ich mit ihr umgehe.

Ich muss meine Wut nicht in Liebe verwandeln.

Ich habe die Möglichkeit, wahrzunehmen, was mit meiner Wut verbunden ist.

Vielleicht gibt es eine Grenze.

Vielleicht Überforderung.

Vielleicht Schmerz.

Vielleicht Angst oder Ohnmacht.

Und ich kann zunehmend lernen zu unterscheiden zwischen meiner Wut und dem, was ich mit ihr tue.

Wut wahrzunehmen ist etwas anderes, als mein Kind zu beschämen, einzuschüchtern oder zu verletzen.

Ich kann meine Wut ernst nehmen und gleichzeitig Verantwortung für mein Handeln übernehmen.

Gleichwürdigkeit bedeutet nicht Grenzenlosigkeit

Jesper Juuls Gedanke der Gleichwürdigkeit wird für mich missverständlich, wenn daraus entsteht, Erwachsene müssten den Bedürfnissen ihrer Kinder immer folgen.

Das wäre nicht Gleichwürdigkeit.

Auch der Vater ist Teil der Beziehung.

Auch er hat Bedürfnisse.

Auch er hat Grenzen.

Auch er kann Nein sagen.

Vielleicht liegt eine Herausforderung gerade darin, die eigene Grenze zu vertreten, ohne die Würde des Kindes abzuwerten.

Ich kann sagen:

„Ich möchte das nicht.“

statt:

„Du bist unmöglich.“

Ich kann sagen:

„Mir ist das gerade zu laut.“

statt:

„Hör endlich auf mit diesem Theater.“

Ich kann meine Grenze ausdrücken, ohne meinem Kind erklären zu müssen, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Und mein Kind kann trotzdem enttäuscht, traurig oder wütend sein.

Beziehung bedeutet nicht, dass wir immer dasselbe wollen.

Kinder können uns widersprechen

Für mich zeigt sich Gleichwürdigkeit auch darin, ob ein Kind eine andere Wirklichkeit haben kann als ich.

Vielleicht sage ich:

„Das war doch gar nicht schlimm.“

Mein Kind hat es aber als schlimm erlebt.

Vielleicht denke ich:

„Ich wollte dir doch nur helfen.“

Mein Kind hat meine Hilfe als Einmischung erlebt.

Vielleicht glaube ich:

„Ich habe es doch gut gemeint.“

Und trotzdem wurde mein Kind verletzt.

Meine Absicht und das Erleben meines Kindes müssen nicht identisch sein.

Das kann unangenehm sein.

Denn als Vater möchte ich vielleicht lieber hören, dass ich alles richtig gemacht habe.

Aber vielleicht liegt gerade darin eine Form von Beziehung:

zuzuhören, ohne sofort erklären zu müssen, weshalb das Kind seine Erfahrung anders verstehen sollte.

Verantwortung bedeutet für mich nicht Schuld

Wenn ich erkenne, dass ich etwas aus meiner eigenen Geschichte in die Beziehung zu meinem Kind hineingetragen habe, kann das schmerzhaft sein.

Vielleicht erkenne ich Verhaltensweisen, die ich selbst nie wiederholen wollte.

Dann könnte ich mich verurteilen.

Oder ich könnte versuchen, genauer hinzuschauen.

Was ist geschehen?

Was hat mich in dieser Situation so stark berührt?

Was war mein Anteil?

Was möchte ich heute damit tun?

Verantwortung bedeutet für mich nicht:

„Ich bin ein schlechter Vater.“

Sie kann bedeuten:

„Ich sehe, was geschehen ist, und ich möchte meinen Anteil daran nicht verleugnen.“

Vielleicht gehört dazu auch, meinem Kind zu sagen:

„Das, was ich getan habe, war nicht in Ordnung.“

Oder:

„Es tut mir leid.“

Ohne ein Aber dahinter.

Ohne meinem Kind erklären zu müssen, warum es mich provoziert hat.

Das Geschehene wird dadurch nicht ungeschehen.

Aber Beziehung kann sich verändern, wenn Verantwortung möglich wird.

Was möchte ich als Vater weitergeben?

Vielleicht geht es beim Blick auf die eigene Kindheit nicht nur darum, herauszufinden, was schwierig war.

Wir können auch fragen:

Was habe ich bekommen, das ich bewahren möchte?

Vielleicht Humor.

Verlässlichkeit.

Neugier.

Zärtlichkeit.

Mut.

Die Freude an der Natur.

Handwerkliches Können.

Musik.

Gemeinsame Rituale.

Oder die Erfahrung, dass jemand da war, wenn es darauf ankam.

Unsere Geschichte besteht nicht nur aus Verletzungen.

Und auch unsere Eltern sind nicht auf das reduzierbar, was sie uns möglicherweise nicht geben konnten.

Für mich kann es deshalb darum gehen, bewusster zu unterscheiden:

Was möchte ich weitertragen?

Was möchte ich verändern?

Und was möchte ich vielleicht zum ersten Mal anders leben?

Vaterschaft bedeutet für mich nicht Perfektion

Ich glaube nicht, dass ein guter Vater derjenige ist, der immer ruhig bleibt, jede Reaktion seines Kindes versteht und nie einen Fehler macht.

Diesen Vater gibt es vermutlich nicht.

Für mich geht es um etwas anderes.

Um die Bereitschaft hinzuschauen.

Auf mein Kind.

Auf mich selbst.

Auf das, was zwischen uns geschieht.

Vielleicht kann ich früher bemerken, wenn etwas in mir sehr stark wird.

Vielleicht kann ich irgendwann unterscheiden, was zur gegenwärtigen Situation gehört und was mit meiner eigenen Geschichte verbunden sein könnte.

Vielleicht kann ich eine Grenze klarer ausdrücken.

Vielleicht kann ich meinem Kind zuhören, obwohl seine Sicht auf mich unangenehm ist.

Und vielleicht kann ich Verantwortung übernehmen, wenn mir etwas nicht gelungen ist.

Vaterschaft bedeutet für mich nicht, meine eigene Geschichte hinter mir zu lassen. Sie kann eine Möglichkeit sein, ihr bewusster zu begegnen und zunehmend zu entscheiden, was ich heute weitergeben möchte.

Jesper Juuls Gedanke der Gleichwürdigkeit bedeutet für mich deshalb weit mehr als eine bestimmte Form von Erziehung.

Er berührt eine grundlegende Frage:

Wie begegne ich einem anderen Menschen, der von mir abhängig ist, ohne seine Würde, seine Gefühle und seine eigene Wirklichkeit geringer zu achten als meine?

Und vielleicht führt diese Frage irgendwann wieder zu mir selbst:

Wie begegne ich eigentlich mir?

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