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Eltern werden – wenn auch die eigene Geschichte berührt wird

Ein Kind zu erwarten oder Eltern zu werden, kann Freude, Liebe und Verbundenheit mit sich bringen. Gleichzeitig können Erfahrungen, Gefühle und Fragen auftauchen, mit denen wir vielleicht nicht gerechnet haben. Für mich kann es deshalb wertvoll sein, sich nicht nur mit dem Kind, sondern auch mit dem eigenen Erleben auseinanderzusetzen.

Eltern zu werden, kann vieles verändern.

Da ist vielleicht die Freude auf ein Kind. Die Vorstellung davon, wie das gemeinsame Leben sein könnte. Vielleicht auch Unsicherheit, Angst oder die Frage, ob ich dieser neuen Verantwortung gewachsen bin.

Und manchmal begegnen wir in dieser Zeit auch uns selbst auf eine neue Weise.

Die eigene Kindheit kann näher rücken.

Erinnerungen können auftauchen.

Fragen zur eigenen Mutter oder zum eigenen Vater bekommen vielleicht eine andere Bedeutung.

Gefühle zeigen sich, die wir zunächst nicht einordnen können.

Oder eine Situation mit dem eigenen Kind löst etwas in uns aus, das viel stärker erscheint, als wir aufgrund der gegenwärtigen Situation erwartet hätten.

Für mich sind solche Erfahrungen kein Grund, vorschnell eine Erklärung zu suchen.

Aber sie können eine Einladung sein, genauer hinzuschauen:

Was geschieht gerade in mir?

Womit könnte das verbunden sein?

Und was brauche ich heute?

Welche Mutter, welcher Vater möchte ich sein?

Vielleicht gibt es Vorstellungen davon, was wir anders machen möchten als unsere eigenen Eltern.

Vielleicht sagen wir:

„So möchte ich mit meinem Kind nie umgehen.“

Oder:

„Das möchte ich meinem Kind unbedingt mitgeben.“

Solche Vorstellungen können Orientierung geben.

Gleichzeitig habe ich erfahren, dass gute Vorsätze allein nicht immer bestimmen, wie wir in einer konkreten Situation reagieren.

Wenn ein Kind schreit.

Wenn es sich nicht beruhigen lässt.

Wenn es Nein sagt.

Wenn wir selbst erschöpft sind.

Wenn wir uns hilflos fühlen.

Oder wenn etwas in der Beziehung zu unserem Kind Gefühle in uns auslöst, mit denen wir nicht gerechnet haben.

Dann kann aus der Frage

„Was mache ich falsch?“

eine andere werden:

„Was geschieht gerade in mir?“

Und vielleicht:

„Womit könnte meine Reaktion verbunden sein?“

Diese Fragen verändern für mich etwas.

Sie führen weg von einer schnellen Bewertung und hin zu einer Begegnung mit dem eigenen Erleben.

Wenn das eigene Kind etwas in uns berührt

Ein Kind ist ein eigener Mensch.

Es bringt sein eigenes Erleben, seine Bedürfnisse und mit der Zeit immer deutlicher seinen eigenen Willen mit.

Gleichzeitig findet Beziehung nie im luftleeren Raum statt.

Auch wir Eltern bringen etwas mit.

Unsere Geschichte.

Unsere Erfahrungen mit Nähe und Distanz.

Unsere Erfahrungen mit Grenzen.

Unsere Ängste.

Unsere Wünsche.

Unsere Verletzungen.

Und die Möglichkeiten, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben, mit schwierigen Gefühlen und Situationen umzugehen.

Manchmal kann das Verhalten eines Kindes deshalb etwas in uns berühren, das über die gegenwärtige Situation hinausgeht.

Vielleicht macht uns sein Weinen ungewöhnlich hilflos.

Seine Wut löst starke Wut in uns aus.

Sein Rückzug macht uns Angst.

Sein Nein fühlt sich für uns wie Zurückweisung an.

Oder sein Bedürfnis nach Nähe wird irgendwann schwer auszuhalten.

Für mich ist es wichtig, solche Reaktionen nicht vorschnell als Beweis für eine bestimmte Erfahrung aus der eigenen Vergangenheit zu betrachten.

Genauso wenig möchte ich ihre mögliche Verbindung zur eigenen Geschichte von vornherein ausschliessen.

Nicht jede starke Reaktion erzählt uns sofort, woher sie kommt. Aber sie kann uns darauf aufmerksam machen, dass etwas in uns berührt wird.

Bindung braucht keine perfekten Eltern

Wenn wir uns mit Bindung beschäftigen, kann schnell ein grosser Druck entstehen.

Bin ich emotional verfügbar genug?

Was darf ich auf keinen Fall falsch machen?

Schade ich meinem Kind, wenn ich gestresst, traurig oder wütend bin?

Muss ich zuerst meine eigene Geschichte aufgearbeitet haben, bevor ich eine gute Mutter oder ein guter Vater sein kann?

Für mich wäre das ein Anspruch, der weder dem Kind noch den Eltern gerecht wird.

Eltern sind Menschen.

Wir können erschöpft sein.

Wir können etwas missverstehen.

Wir können ungeduldig sein.

Wir können wütend werden.

Wir können etwas tun, das wir später bedauern.

Beziehung bedeutet für mich nicht, dass all das nie geschieht.

Bedeutsam kann auch sein, ob wir wahrnehmen können, was geschehen ist, Verantwortung für unseren Anteil übernehmen und wieder in Beziehung kommen können.

Ein Kind braucht keine Eltern ohne Geschichte. Es begegnet Eltern, die selbst eine Geschichte haben.

Sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen bedeutet deshalb für mich nicht, ein perfekter Mensch werden zu müssen.

Es kann bedeuten, sich selbst besser kennenzulernen und zunehmend wahrnehmen zu können, was im Kontakt mit dem eigenen Kind geschieht.

Kinderwunsch und Schwangerschaft

Schon ein Kinderwunsch kann sehr unterschiedliche Gefühle auslösen.

Vorfreude und Sehnsucht.

Unsicherheit und Angst.

Hoffnung.

Vielleicht Traurigkeit, wenn ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt.

Oder widersprüchliche Gefühle, die nicht zu der Vorstellung passen, wie wir uns eigentlich fühlen sollten.

Auch eine Schwangerschaft kann sehr unterschiedlich erlebt werden.

Freude und Angst können nebeneinander vorhanden sein.

Nähe und Distanz.

Zuversicht und Zweifel.

Körperliches Wohlbefinden und körperliche Belastung.

Und in dieser Zeit kann auch die eigene Geschichte näherkommen.

Innerhalb der Identitätsorientierten Psychotraumatheorie und anderer Ansätze, die sich mit sehr frühen Erfahrungen beschäftigen, wird der Zeit von Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit eine besondere Bedeutung gegeben.

Diese Perspektive ist auch für meine Arbeit wichtig.

Sie bedeutet für mich nicht, bereits zu wissen, was einem Menschen geschehen ist.

Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, gegenwärtiges Erleben auch in seinem biografischen Zusammenhang zu betrachten.

Bindungsanalyse – Beziehung schon während der Schwangerschaft

Eine weitere Perspektive, die ich in diesem Zusammenhang bedeutsam finde, ist die Bindungsanalyse nach den ungarischen Psychoanalytikern György Hidas und Jenö Raffai.

In dieser Form der vorgeburtlichen Begleitung richtet eine schwangere Frau ihre Aufmerksamkeit sowohl auf ihr eigenes körperliches und emotionales Erleben als auch auf die Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind.

Dabei kann auch die eigene Lebensgeschichte Raum bekommen.

Die über viele Jahre mit der Bindungsanalyse gemachten Erfahrungen und ihre Auswertungen berichten bemerkenswerte Unterschiede rund um Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit danach. Beschrieben werden unter anderem Unterschiede bei geburtshilflichen Interventionen, Kaiserschnitten, Frühgeburten sowie weiteren Erfahrungen nach der Geburt.

Für mich verdienen solche empirisch gewonnenen Erfahrungen Aufmerksamkeit und Respekt.

Sie sind Teil eines Erfahrungs- und Erkenntniswissens darüber, was geschehen kann, wenn eine Frau während der Schwangerschaft Raum erhält, sich selbst, ihrer Geschichte und ihrem ungeborenen Kind bewusster zu begegnen.

Mich interessiert daran besonders, dass die Beziehung zum Kind nicht erst mit seiner sichtbaren Anwesenheit nach der Geburt betrachtet wird.

Schwangerschaft ist bereits Beziehungsgeschehen.

Eine Frau erlebt ihr Kind.

Sie erlebt ihren eigenen Körper.

Sie erlebt möglicherweise Freude, Angst, Hoffnung, Abwehr, Nähe oder Unsicherheit.

Und sie bringt ihre eigene Geschichte mit in diese Zeit.

Sich während einer Schwangerschaft mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und zugleich die Beziehung zum ungeborenen Kind bewusst wahrzunehmen, kann eine bedeutsame Erfahrung für Mutter und Kind sein.

Für mich geht es dabei nicht um ein Versprechen, wie eine Schwangerschaft oder Geburt verlaufen wird.

Es geht darum, Erfahrungen und Erkenntnisse ernst zu nehmen, die darauf hinweisen, dass die innere und äussere Begleitung einer Frau während der Schwangerschaft Bedeutung haben kann.

Geburt – wenn die eigene Geschichte mit im Raum ist

Eine Geburt ist nicht nur ein körperlicher Vorgang.

Sie kann mit Freude, Kraft, Angst, Hingabe, Schmerz, Kontrollverlust, Vertrauen, Ohnmacht und vielen weiteren Erfahrungen verbunden sein.

Und sie lässt sich nicht vollständig planen.

Vielleicht verläuft sie so, wie eine Frau es sich vorgestellt hat.

Vielleicht geschieht etwas völlig anderes.

Vielleicht werden medizinische Interventionen notwendig.

Vielleicht erlebt eine Frau etwas als hilfreich und schützend.

Vielleicht erlebt sie dieselbe Handlung als überfordernd oder als Verlust von Selbstbestimmung.

Das persönliche Erleben einer Geburt lässt sich nicht allein am medizinischen Verlauf ablesen.

Und genau hier wird für mich auch die eigene Geschichte bedeutsam.

Kann die eigene Geburt wieder berührt werden?

Autoren wie David  Chamberlain, Ludwig Janus, William Emerson,  und Franz Ruppert haben sich aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven mit sehr frühen Erfahrungen rund um Schwangerschaft, Geburt und früher Entwicklung beschäftigt.

Innerhalb der prä- und perinatalen Psychologie und verschiedener psychotraumatologischer Ansätze wird beschrieben, dass Erfahrungen aus dieser sehr frühen Lebenszeit im späteren Erleben Bedeutung haben können.

Dazu gehört auch die Erfahrung der eigenen Geburt.

Im Zusammenhang mit der Geburt des eigenen Kindes wird beschrieben, dass Aspekte des eigenen frühen Geburtserlebens wieder berührt werden können. Dabei wird auch von Reinszenierungen gesprochen: Eine gegenwärtige Situation kann emotional oder körperlich mit einem früheren Erleben in Verbindung kommen.

Für mich ist es wichtig, diese Möglichkeit ernst zu nehmen.

Denn wenn eine Frau während der Geburt ihres Kindes plötzlich eine überwältigende Angst, Ohnmacht, Enge, Verzweiflung oder einen kaum erklärbaren inneren Zustand erlebt, kann es sinnvoll sein, nicht ausschliesslich auf das äussere Geschehen zu schauen.

Es kann auch die Frage geben:

Was geschieht gerade in mir?

Was gehört zu dieser Geburt und dieser konkreten Situation?

Womit könnte dieses Erleben in meiner eigenen Geschichte verbunden sein?

Könnte hier etwas berührt werden, das sehr viel älter ist?

Für mich bedeutet diese Perspektive nicht, einer Frau von aussen zu erklären, was bei ihrer eigenen Geburt geschehen ist.

Das wäre nicht meine Haltung.

Eine Theorie kann eine Möglichkeit zum Verstehen eröffnen. Sie sollte aber nicht die Wahrheit eines Menschen festlegen.

Die Frage bleibt offen.

Und die Frau selbst bleibt mit ihrem Erleben im Mittelpunkt.

Damals und heute

Gerade bei sehr frühen Erfahrungen gibt es für mich noch einen weiteren wichtigen Unterschied.

Ein Säugling und ein sehr kleines Kind haben nicht die Möglichkeiten eines erwachsenen Menschen.

Sie können sich ausdrücken – durch Schreien, Weinen, Bewegung, Körperspannung, Hinwendung, Abwendung und viele andere körperliche und nonverbale Signale.

Aber in sehr frühen Lebensphasen fehlen noch die Worte und viele der Möglichkeiten, die uns später zur Verfügung stehen.

Ein Säugling kann nicht sagen:

„Ich habe Angst.“

„Das tut mir weh.“

„Ich will das nicht.“

„Hör auf.“

„Ich brauche jemanden.“

Er kann die Situation nicht einfach verlassen.

Er kann nicht erklären, was mit ihm geschieht.

Und er ist darauf angewiesen, dass andere Menschen seine Signale wahrnehmen und auf sie reagieren.

Wenn eine heutige Situation emotional mit einer solchen frühen Erfahrung in Berührung kommt, kann sich deshalb auch die damalige Ohnmacht sehr gegenwärtig anfühlen.

Für mich ist dann eine wichtige Frage:

Was war mir damals nicht möglich – und was ist mir heute möglich?

Denn heute bin ich nicht mehr das Kind, das ich damals war.

Heute habe ich andere Möglichkeiten

Heute kann ich sprechen.

Ich kann Nein sagen.

Ich kann eine Grenze benennen.

Ich kann weinen.

Ich kann meine Wut wahrnehmen und ihr Ausdruck geben.

Ich kann meinen Körper bewegen oder mich schütteln, wenn ich wahrnehme, dass diese Bewegung meinem Erleben entspricht.

Ich kann meine Stimme benutzen.

Ich kann eine Situation verlassen, soweit dies möglich ist.

Ich kann jemanden um Unterstützung bitten.

Und ich kann Worte für etwas finden, für das ich früher vielleicht keine Worte hatte.

Auch während einer Geburt kann diese Unterscheidung Bedeutung bekommen.

Was brauche ich?

Was möchte ich?

Was macht mir Angst?

Wer soll bei mir sein?

Welche Berührung möchte ich – und welche nicht?

Was möchte ich wissen, bevor etwas mit mir geschieht?

Wo möchte ich mitentscheiden?

Nicht jede Situation lässt sich beeinflussen. Gerade bei medizinischen Notwendigkeiten können die Möglichkeiten begrenzt sein.

Aber auch dann kann es einen Unterschied machen, ob eine Frau in ihrem Erleben gesehen, angesprochen und einbezogen wird.

Für mich kann darin ein wesentlicher Unterschied zwischen damals und heute liegen:

Heute gibt es möglicherweise Ausdruck, Beziehung und Handlungsmöglichkeiten, die damals nicht vorhanden waren.

Wenn ein Kind noch keine Worte hat

Nach der Geburt beginnt für das Kind eine neue Form des In-Beziehung-Seins.

Auch jetzt kann ein Säugling noch nicht erklären, was mit ihm geschieht.

Aber er drückt sich aus.

Über seinen Körper.

Seine Stimme.

Seine Mimik.

Bewegung.

Anspannung und Entspannung.

Hinwendung und Abwendung.

Gerade in dieser frühen Lebenszeit ist ein Kind in besonderer Weise auf andere Menschen angewiesen.

Das bedeutet für mich nicht, dass Eltern jedes Signal richtig verstehen müssen.

Das wäre unmöglich.

Vielleicht geht es vielmehr darum, in Beziehung zu bleiben und in Mitgefühl immer wieder zu fragen:

Was könnte mein Kind gerade erleben?

Was könnte es brauchen?

Und gleichzeitig:

Was geschieht dabei in mir?

Denn das, was ein Kind ausdrückt, kann wiederum etwas in der eigenen Geschichte der Eltern berühren.

Was gehört zu meinem Kind – und was gehört zu mir?

Diese Unterscheidung ist für mich wesentlich.

Wenn mein Kind weint und ich dabei starke Angst bekomme, gibt es zunächst zwei Erlebnisse.

Mein Kind erlebt etwas.

Und in mir geschieht etwas.

Beides kann miteinander in Beziehung stehen, ohne dass es dasselbe sein muss.

Vielleicht berührt das Weinen meines Kindes etwas aus meiner eigenen Geschichte.

Vielleicht fühle ich mich plötzlich hilflos.

Vielleicht entsteht der starke Impuls, das Weinen sofort beenden zu müssen.

Vielleicht werde ich wütend.

Oder ich gehe innerlich auf Distanz, weil mir das Erleben zu viel wird.

Dann kann ich versuchen, nicht nur auf mein Kind zu schauen.

Ich kann auch mich selbst wahrnehmen.

Was geschieht gerade mit mir?

Was macht das Erleben meines Kindes mit mir?

Was gehört zu meinem Kind?

Und was könnte zu meiner eigenen Geschichte gehören?

Diese Unterscheidung kann Beziehung verändern.

Denn mein Kind muss dann nicht die Aufgabe übernehmen, meine Gefühle zu regulieren.

Und ich muss meine Gefühle auch nicht gegen mich selbst richten.

Ich kann versuchen, beides wahrzunehmen:

mein Kind und mich.

Vielleicht entsteht Beziehung auch dort, wo ich zunehmend unterscheiden kann: Was gehört zu meinem Kind – und was geschieht gerade in mir?

Was mir als Vater wichtig geworden ist

Auch meine eigene Vaterschaft hat mich mit Fragen konfrontiert, auf die ich vorher keine fertigen Antworten hatte.

Ich habe erlebt, dass Vatersein nicht nur etwas mit meinem Kind zu tun hat.

Es hat mich auch mit mir selbst in Kontakt gebracht.

Mit meiner eigenen Geschichte.

Mit meinen Vorstellungen davon, was ein Vater sein sollte.

Mit meinen Möglichkeiten und Grenzen.

Und auch mit Situationen, in denen ich im Nachhinein anders handeln wollte, als ich es getan hatte.

Für mich gehört deshalb zur Elternschaft nicht nur die Frage:

„Was braucht mein Kind?“

Sondern auch:

„Was geschieht in mir, während ich versuche, für mein Kind da zu sein?“

Diese zweite Frage nimmt dem Kind nichts weg.

Sie kann mir vielmehr helfen, genauer zu unterscheiden, was gerade zu meinem Kind gehört und was möglicherweise in mir selbst berührt wird.

Verantwortung ohne Schuldzuweisung

Wenn wir über frühe Erfahrungen, Bindung und Elternschaft sprechen, ist mir etwas besonders wichtig:

Es geht für mich nicht darum, Müttern oder Vätern Schuld zuzuweisen.

Eltern tragen Verantwortung.

Aber Eltern sind gleichzeitig Menschen mit einer eigenen Geschichte, eigenen Verletzungen, Möglichkeiten und Grenzen.

Etwas zu verstehen bedeutet nicht, es zu entschuldigen.

Und Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, sich selbst zu verurteilen.

Vielleicht kann ich erkennen:

Hier habe ich mein Kind nicht gesehen.

Hier war ich selbst überfordert.

Hier hat etwas aus meiner eigenen Geschichte mein Handeln beeinflusst.

Hier möchte ich heute anders handeln.

Das Geschehene wird dadurch nicht ungeschehen.

Aber es kann möglich werden, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie ich heute damit umgehe.

Bewusste Elternschaft bedeutet für mich nicht Perfektion

Ich glaube nicht, dass wir unsere gesamte Geschichte zuerst „heilen“ müssen, bevor wir einem Kind begegnen können.

Und ich glaube auch nicht, dass bewusste Elternschaft bedeutet, immer richtig zu reagieren.

Vielleicht bedeutet sie etwas viel Menschlicheres.

Hinsehen.

Wahrnehmen.

Zuhören.

Sich selbst begegnen.

Dem Kind begegnen.

Eine Grenze erkennen.

Einen Fehler eingestehen.

Sich entschuldigen.

Unterstützung suchen.

Und immer wieder unterscheiden lernen:

Was geschieht gerade?

Was gehört zu meinem Kind?

Was gehört zu mir?

Was könnte mit meiner Geschichte verbunden sein?

Und welche Möglichkeiten habe ich heute?

Bewusste Elternschaft bedeutet für mich nicht, alles richtig zu machen. Sie kann bedeuten, bereit zu sein, sich selbst und dem eigenen Kind immer wieder neu zu begegnen.

Vielleicht liegt darin etwas Wesentliches von Bindung.

Nicht in Perfektion.

Nicht darin, die eigene Geschichte hinter sich zu lassen.

Sondern darin, mit dem, was ist, zunehmend in Kontakt kommen zu können.

Mit meinem Kind.

Und mit mir selbst.

Über den Autor

Christian Strässle ist Vater und begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumtheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.

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