In den vergangenen Jahren hat mich die Frage nach Wahrheit immer wieder beschäftigt.
Was bedeutet es eigentlich, der eigenen Wahrheit zu begegnen?
Ist Wahrheit etwas, das wir erkennen müssen? Etwas, das tief in uns verborgen liegt? Oder etwas, das ein anderer Mensch über uns herausfinden kann?
Heute sehe ich das anders als früher.
Wahrheit lässt sich nicht verordnen. Wir können ihr begegnen.
Niemand anderes kann mir sagen, was für mich wahr ist. Eine Theorie kann mir eine Perspektive anbieten. Ein anderer Mensch kann eine Wahrnehmung mit mir teilen. Eine Erfahrung kann Fragen aufwerfen.
Welche Bedeutung all das für mein eigenes Leben hat, kann sich jedoch erst in meiner Auseinandersetzung damit zeigen.
Wenn wir etwas lange nicht wahrnehmen konnten
Es gibt Erfahrungen, Gefühle oder innere Konflikte, denen wir uns vielleicht lange nicht zuwenden konnten.
Nicht unbedingt, weil wir uns bewusst dagegen entschieden haben.
Manchmal standen uns zu einem bestimmten Zeitpunkt schlicht nicht die Möglichkeiten zur Verfügung, etwas wahrzunehmen, einzuordnen oder auszudrücken.
Vielleicht war es notwendig, weiterzumachen.
Vielleicht mussten wir funktionieren.
Vielleicht gab es niemanden, mit dem wir über das sprechen konnten, was geschehen war.
Oder wir hatten selbst noch keine Worte dafür.
Was wir heute als Vermeidung oder Schutz wahrnehmen, kann deshalb eine Geschichte haben.
Was einmal Schutz war, kann uns heute daran hindern, so zu leben, wie wir eigentlich leben möchten.
Das bedeutet nicht, dass hinter jedem Verhalten eine verborgene Verletzung liegt. Und es bedeutet auch nicht, dass wir nur tief genug suchen müssen, um irgendwann die eine Ursache für unser heutiges Erleben zu finden.
Unsere Geschichte ist komplexer.
Die eigene Wahrheit ist keine verborgene Antwort
Lange hat mich die Vorstellung beschäftigt, dass wir nur erkennen müssten, was wirklich hinter unseren Schwierigkeiten liegt.
Heute bin ich damit vorsichtiger.
Eine starke Reaktion im Heute erlaubt nicht automatisch einen sicheren Rückschluss darauf, was früher geschehen ist.
Ein Gefühl ist real, weil ich es empfinde. Aber meine Erklärung dafür muss deshalb nicht automatisch richtig sein.
Eine Erinnerung kann für mich Bedeutung haben. Gleichzeitig kann ich offenlassen, was ich über ihre Entstehung oder ihren Zusammenhang nicht sicher weiss.
Auch eine Theorie kann etwas verständlicher machen, ohne dadurch zur Erklärung meiner gesamten Geschichte zu werden.
Für mich bedeutet Wahrheit deshalb nicht:
Endlich herauszufinden, was wirklich mit mir los ist.
Vielleicht geht es vielmehr darum, wahrzunehmen:
Was geschieht gerade in mir?
Was nehme ich wahr?
Was löst eine Situation in mir aus?
Welche Bedeutung bekommt das für mich?
Und was weiss ich vielleicht noch nicht?
Auch das Nichtwissen kann Teil einer ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst sein.
Wahrheit kann unangenehm sein
Der Name Salz & Stein ist eng mit meiner eigenen Auseinandersetzung mit Wahrheit verbunden.
Salz gibt Geschmack und kann bewahren. Es kann aber auch dort brennen, wo eine Wunde ist.
Ähnlich kann es sein, wenn wir etwas über uns selbst, unsere Beziehungen oder unsere Geschichte wahrnehmen, dem wir bisher nicht begegnen konnten.
Vielleicht erkennen wir, dass eine Beziehung uns nicht guttut.
Vielleicht bemerken wir eine Grenze, über die wir lange hinweggegangen sind.
Vielleicht nehmen wir Wut wahr, die wir nicht länger wegschieben möchten.
Vielleicht sehen wir auch einen eigenen Anteil an einem Konflikt, den wir bisher vor allem beim anderen Menschen gesehen haben.
Wahrheit muss sich nicht angenehm anfühlen.
Und sie muss auch nicht sofort etwas verändern.
Verstehen bedeutet nicht entschuldigen
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kann dazu führen, dass wir manches anders betrachten.
Vielleicht beginnen wir zu verstehen, weshalb wir selbst bestimmte Möglichkeiten entwickelt haben, mit unserem Leben zurechtzukommen.
Vielleicht verstehen wir auch etwas über einen Menschen, der uns verletzt hat.
Dabei ist mir eine Unterscheidung wichtig:
Etwas zu verstehen bedeutet nicht, es zu entschuldigen.
Ich kann verstehen, dass ein Mensch eine eigene Geschichte hat, und trotzdem anerkennen, dass sein Verhalten verletzend oder falsch war.
Ich kann meine eigenen Reaktionen besser verstehen und trotzdem Verantwortung dafür übernehmen, wie ich heute handle.
Verstehen muss Verantwortung nicht auflösen.
Es kann im Gegenteil dazu beitragen, genauer zu unterscheiden:
Was gehört zu mir?
Was gehört zum anderen?
Was ist geschehen?
Und wofür kann ich heute Verantwortung übernehmen?
Wahrheit bedeutet für mich nicht, immer sicherer zu werden
Manchmal stellen wir uns persönliche Entwicklung als einen Weg vor, auf dem irgendwann alles klar wird.
Je mehr wir verstehen, desto sicherer wissen wir, wer wir sind, was wir brauchen und welchen Weg wir gehen müssen.
Meine Erfahrung ist eine andere.
Manche Erkenntnisse schaffen Klarheit.
Andere öffnen neue Fragen.
Manchmal verändert sich das, was ich über mich selbst oder meine Geschichte gedacht habe.
Und manchmal muss etwas eine Zeit lang offenbleiben.
Das empfinde ich heute nicht mehr automatisch als Unsicherheit, die beseitigt werden muss.
Es kann auch Ausdruck davon sein, dass ich mir nicht vorschnell eine Erklärung gebe.
Mit mir selbst in Kontakt bleiben
Für mich ist die Frage nach Wahrheit deshalb eng mit Selbstverbundenheit verbunden.
Selbstverbundenheit bedeutet für mich nicht, immer ruhig, ausgeglichen oder liebevoll zu sein.
Ich kann wütend sein und mit mir verbunden bleiben.
Ich kann traurig sein.
Ich kann zweifeln.
Ich kann etwas nicht verstehen.
Und ich kann wahrnehmen, dass unterschiedliche Gefühle gleichzeitig in mir vorhanden sind.
Ich muss meine Wut nicht in Liebe verwandeln.
Ich habe die Möglichkeit, den Schmerz wahrzunehmen, der vielleicht mit ihr verbunden ist – und dabei mit mir selbst in Kontakt zu bleiben.
Vielleicht liegt darin für mich heute etwas Wesentliches:
Nicht möglichst schnell eine bessere Version von mir selbst zu werden.
Sondern mir selbst auch dort begegnen zu können, wo es schwierig, widersprüchlich oder noch unklar ist.
Macht Wahrheit frei?
Wahrheit kann etwas verändern. Sie kann Klarheit schaffen, schmerzhaft sein, eine Entscheidung möglich machen oder eine neue Frage öffnen.
Für mich hat Freiheit dabei auch mit etwas anderem zu tun.
Ich kenne Gefühle, die sich nicht nur stark, sondern geradezu bedrohlich anfühlen können. In solchen Momenten kann das, was heute geschieht, mit Erfahrungen verbunden sein, die zu einer anderen Zeit meines Lebens gehören. Die damalige Ohnmacht, Angst oder Verzweiflung kann sich im gegenwärtigen Erleben sehr real anfühlen.
In meiner eigenen Auseinandersetzung habe ich erfahren, dass sich etwas verändern kann, wenn ich diesen Gefühlen nicht nur gedanklich eine Erklärung gebe, sondern emotional besser verstehe, womit sie für mich verbunden sind.
Das Vergangene wird dadurch nicht ungeschehen. Auch das Gefühl muss nicht einfach verschwinden.
Aber es kann sein Gewicht verändern.
Was sich vorher überwältigend oder bedrohlich angefühlt hat, kann für mich zunehmend als etwas wahrnehmbar werden, das zu meiner Geschichte gehört und heute nicht mehr dieselbe Macht über mein gegenwärtiges Erleben haben muss.
Dadurch kann ich auch mit starken Gefühlen anders umgehen. Ich kann sie wahrnehmen, ohne ihnen in derselben Weise ausgeliefert zu sein.
Für mich bedeutet emotionales Verstehen nicht, schwierige Gefühle loszuwerden. Es kann bedeuten, sie in ihrem Zusammenhang wahrzunehmen und dadurch im Heute anders mit ihnen umgehen zu können.
Vielleicht liegt darin für mich ein Teil von Freiheit.
Nicht darin, meine Geschichte hinter mir zu lassen. Und auch nicht darin, nie wieder Wut, Angst, Traurigkeit oder Schmerz zu empfinden.
Sondern darin, zunehmend unterscheiden zu können:
Was geschieht gerade in mir?
Womit könnte dieses Gefühl verbunden sein?
Was gehört zu meiner damaligen Erfahrung – und was geschieht heute?
Welche Möglichkeiten habe ich heute, die ich damals vielleicht nicht hatte?
Wahrheit ist für mich keine Antwort, die jemand anderes über mich kennt. Sie kann sich dort zeigen, wo ich mir selbst begegne und wahrnehme, was in mir geschieht – und zugleich offenlasse, was ich noch nicht weiss.
Über den Autor
Christian Strässle begleitet seit 1993 Menschen in Veränderungsprozessen. Sein Schwerpunkt liegt auf Entwicklungstrauma, Identitätsentwicklung und ursachenorientierter Begleitung. Seine Arbeit verbindet langjährige Praxiserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT).