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Wenn ich über meine eigenen Grenzen gehe

Manchmal merken wir erst spät, dass wir über längere Zeit über eigene Bedürfnisse, Gefühle oder körperliche Grenzen hinweggegangen sind. Was von aussen wie eine bewusste Entscheidung aussehen kann, hat möglicherweise eine längere Geschichte. Für mich beginnt Veränderung nicht mit einem Vorwurf an mich selbst, sondern mit der Frage: Was geschieht hier eigentlich in mir?

Es gibt Zeiten, in denen wir sehr viel leisten können.

Wir arbeiten, übernehmen Verantwortung, kümmern uns um andere, funktionieren auch unter grosser Belastung und finden immer wieder einen Weg, weiterzumachen.

Das kann eine Stärke sein.

Und gleichzeitig kenne ich aus meinem eigenen Leben Situationen, in denen ich erst spät wahrgenommen habe, dass ich dabei über mich selbst hinweggegangen bin.

Vielleicht kennst du solche Momente auch.

Du bist erschöpft – und machst trotzdem weiter.

Du spürst, dass dir etwas zu viel wird – und sagst trotzdem Ja.

Du merkst, dass dir eine Situation nicht guttut – und bleibst dennoch darin.

Oder du stellst die Bedürfnisse anderer immer wieder vor deine eigenen und bemerkst irgendwann, dass du selbst kaum noch weisst, was du eigentlich brauchst.

Die entscheidende Frage ist für mich heute nicht:

Warum mache ich das mit mir?

Sondern:

Was geschieht in mir, dass es in diesem Moment so schwierig ist, meine eigene Grenze wahrzunehmen oder ernst zu nehmen?

Wenn Funktionieren einmal wichtig war

Nicht jedes Funktionieren ist problematisch.

Es gibt Situationen, in denen wir etwas zurückstellen müssen. Wir haben Verpflichtungen, tragen Verantwortung und können nicht jedem Bedürfnis unmittelbar folgen.

Aber wenn wir dauerhaft über uns selbst hinweggehen, kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen.

Vielleicht haben wir früh gelernt, dass Leistung Anerkennung bringt.

Vielleicht war es wichtig, keine Umstände zu machen.

Vielleicht haben wir erfahren, dass die Bedürfnisse anderer wichtiger waren als unsere eigenen.

Vielleicht war Anpassung notwendig, um Zugehörigkeit nicht zu gefährden.

Oder vielleicht hat unser heutiges Verhalten mit etwas ganz anderem zu tun.

Ich möchte diese Zusammenhänge nicht vorwegnehmen.

Denn eine heutige Reaktion erzählt nicht automatisch, wodurch sie entstanden ist.

Aber sie kann eine Frage öffnen.

Was einmal Schutz war, kann uns heute daran hindern, so zu leben, wie wir eigentlich leben möchten.

Nicht gegen mich – sondern für etwas

Früher hätte ich vielleicht gesagt:

Wenn ich meine eigenen Bedürfnisse verleugne, handle ich gegen mich selbst.

Heute ist mir diese Aussage zu schnell.

Denn sie lässt ausser Acht, dass auch ein Verhalten, das mir heute schadet, einmal eine nachvollziehbare Funktion gehabt haben kann.

Wenn ich immer wieder über meine Grenzen gehe, tue ich das möglicherweise nicht deshalb, weil ich mich selbst bestrafen oder mir schaden möchte.

Vielleicht versuche ich damit etwas aufrechtzuerhalten.

Eine Beziehung.

Anerkennung.

Sicherheit.

Zugehörigkeit.

Ein Bild von mir selbst.

Oder die Gewissheit, gebraucht zu werden.

Das bedeutet nicht, dass eine dieser Erklärungen stimmen muss.

Aber die Frage verändert meine Haltung mir selbst gegenüber:

Nicht:

„Was mache ich schon wieder falsch?“

Sondern:

„Wozu könnte dieses Verhalten für mich einmal wichtig gewesen sein – und brauche ich es heute noch auf dieselbe Weise?“

Eine Grenze wahrzunehmen bedeutet noch nicht, sie setzen zu können

Auch das ist mir wichtig.

Wir sprechen oft davon, dass Menschen „lernen müssen, Grenzen zu setzen“.

Doch manchmal ist die Schwierigkeit viel grundlegender.

Vielleicht nehme ich meine Grenze erst wahr, wenn ich längst darüber hinausgegangen bin.

Vielleicht spüre ich sie körperlich, kann sie aber nicht einordnen.

Vielleicht weiss ich genau, dass ich Nein sagen möchte, und erlebe gleichzeitig grosse Angst davor, was geschehen könnte, wenn ich es tatsächlich tue.

Oder Schuldgefühle tauchen auf, sobald ich mich selbst ernst nehme.

Dann genügt die Aufforderung:

„Du musst einfach besser auf deine Grenzen achten“

nicht.

Es kann interessanter sein wahrzunehmen, was in mir geschieht, wenn ich versuche, eine Grenze ernst zu nehmen.

Der Körper kann etwas anzeigen – aber er liefert keine fertige Erklärung

Erschöpfung, Anspannung, Unruhe oder Schmerzen können uns darauf aufmerksam machen, dass etwas unsere Aufmerksamkeit braucht.

Ich würde heute jedoch nicht mehr sagen:

Der Körper zeigt uns die Wahrheit.

Ein körperliches Symptom kann viele Ursachen haben. Manche sind medizinisch, manche hängen möglicherweise mit Belastung zusammen, andere bleiben zunächst unklar.

Deshalb ist es wichtig, körperliche Beschwerden medizinisch abklären zu lassen, wenn dies angezeigt ist.

Gleichzeitig kann ich neugierig darauf sein, was ich in einer bestimmten Situation körperlich wahrnehme.

Nicht als Beweis für eine bestimmte Geschichte.

Sondern als Teil meines gegenwärtigen Erlebens.

Verantwortung ohne Selbstverurteilung

Wenn ich erkenne, dass ich immer wieder über mich selbst hinweggehe, kann daraus Verantwortung entstehen.

Aber Verantwortung bedeutet für mich nicht:

„Ich hätte es besser wissen müssen.“

Oder:

„Ich bin selbst schuld, dass es mir so geht.“

Vielleicht konnte ich lange tatsächlich nicht anders.

Vielleicht standen mir bestimmte Möglichkeiten damals nicht zur Verfügung.

Heute kann sich jedoch etwas verändern, wenn ich zunehmend wahrnehme, was in mir geschieht.

Verantwortung beginnt für mich nicht mit Selbstverurteilung. Sie beginnt dort, wo ich wahrnehmen kann, was ich heute tue und welche Möglichkeiten ich heute habe.

Manchmal bedeutet das, Nein zu sagen.

Manchmal bedeutet es, eine Entscheidung noch nicht zu treffen.

Manchmal brauche ich Unterstützung.

Und manchmal erkenne ich erst nach einer Situation, dass ich meine eigene Grenze wieder übergangen habe.

Auch diese Wahrnehmung kann bereits bedeutsam sein.

Wenn alte Gefühle im Heute auftauchen

Eine Grenze zu setzen oder für mich selbst einzustehen, kann Gefühle auslösen, die im Verhältnis zur gegenwärtigen Situation sehr stark erscheinen.

Angst.

Schuld.

Scham.

Wut.

Ohnmacht.

Oder die Befürchtung, einen anderen Menschen zu verlieren.

Aus meiner eigenen Auseinandersetzung kenne ich Situationen, in denen etwas im Heute emotional mit Erfahrungen aus meiner früheren Geschichte in Berührung kommt.

Dann kann sich ein Gefühl nicht nur wie eine Erinnerung anfühlen. Die damalige Angst oder Ohnmacht kann im gegenwärtigen Erleben sehr unmittelbar werden.

Gerade aus meiner frühen Kindheit kenne ich Erfahrungen, in denen ich kaum Möglichkeiten hatte, mich auszudrücken. Manchmal war niemand da, bei dem mein Erleben einen Platz finden konnte. Und in sehr frühen Lebensphasen hatte ich noch gar nicht die Worte und Möglichkeiten, auszudrücken, was mit mir geschah.

Ich konnte nicht erklären:

Ich habe Angst.

Das tut mir weh.

Ich will das nicht.

Hör auf.

Ich brauche jemanden.

Wenn weder ein ausreichender Ausdruck noch eine Veränderung der Situation möglich ist, kann ein Erleben von Ohnmacht entstehen.

Für mich ist deshalb eine wichtige Frage geworden:

Was war mir damals nicht möglich – und was ist mir heute möglich?

Heute kann ich mich ausdrücken

Heute bin ich nicht mehr das Kind, das ich damals war.

Das Geschehene kann ich nicht verändern. Aber meine Möglichkeiten im Heute sind andere.

Ich kann sprechen.

Ich kann Nein sagen.

Ich kann eine Grenze benennen.

Ich kann weinen.

Ich kann meine Wut wahrnehmen und ihr Ausdruck geben.

Ich kann meinen Körper bewegen oder mich schütteln, wenn ich wahrnehme, dass Bewegung meinem Erleben entspricht.

Ich kann eine Situation verlassen.

Ich kann jemanden um Unterstützung bitten.

Und ich kann Worte für etwas finden, für das ich früher vielleicht keine Worte hatte.

Für mich kann darin ein wesentlicher Unterschied zwischen damals und heute liegen.

Gleichzeitig musste ich auch lernen, dass Ausdruck nicht bedeutet, jedes Gefühl ungefiltert an jedem Ort und gegenüber jedem Menschen auszuleben.

Ich kann heute nicht nur lernen, mich auszudrücken. Ich kann auch zunehmend wahrnehmen, wie, wo und gegenüber wem ich mich ausdrücken möchte.

Wut wahrzunehmen ist beispielsweise etwas anderes, als einen anderen Menschen zu verletzen. Eine Grenze zu spüren ist etwas anderes, als sie dem anderen als Vorwurf entgegenzuhalten.

Heute habe ich Möglichkeiten, mit meinem Erleben umzugehen, die mir früher vielleicht nicht zur Verfügung standen.

Wenn sich das Verhältnis zu einem Gefühl verändert

In meiner eigenen Auseinandersetzung habe ich erfahren, dass sich dadurch auch mein Verhältnis zu starken Gefühlen verändern kann.

Wenn ich mir selbst begegne und emotional besser verstehe, womit ein Gefühl für mich verbunden ist, muss es nicht einfach verschwinden.

Aber es kann sein Gewicht verändern.

Ich kann zunehmend wahrnehmen:

Dieses Gefühl ist da. Es gehört zu mir und vielleicht auch zu meiner Geschichte. Aber meine heutige Situation ist nicht zwangsläufig dieselbe wie damals.

Die damalige Ohnmacht und meine heutigen Möglichkeiten können voneinander unterscheidbarer werden.

Und vielleicht kann genau dort etwas Neues entstehen:

Ich muss das Gefühl nicht wegmachen.

Ich muss mich ihm aber auch nicht mehr in derselben Weise ausgeliefert erleben.

Was damals keinen Ausdruck finden konnte, kann heute vielleicht Worte, Bewegung, eine Grenze oder eine andere Form des Ausdrucks bekommen.

Was brauche ich eigentlich?

Diese Frage klingt einfach.

Für manche Menschen ist sie das vielleicht auch.

Für mich war sie es nicht immer.

Wenn ich früher kaum Möglichkeiten hatte, mich auszudrücken, wenn für meine Gefühle oder Bedürfnisse kein ausreichender Raum da war oder ich selbst noch keine Worte dafür hatte, dann ist es für mich nachvollziehbar, dass ich auch später nicht immer sofort wusste, was ich eigentlich brauche.

Eigene Bedürfnisse wahrzunehmen bedeutet zudem, mit dem in Kontakt zu kommen, was mir fehlt, was mich verletzt, wonach ich mich sehne oder wo etwas in meinem Leben nicht mehr stimmt.

Deshalb muss auf die Frage „Was brauche ich?“ nicht sofort eine Antwort kommen.

Vielleicht beginnt die Auseinandersetzung viel früher:

Was nehme ich gerade wahr?

Was geschieht in meinem Körper?

Welches Gefühl ist da?

Wo merke ich eine Grenze?

Was möchte vielleicht Ausdruck finden?

Was geschieht in mir, wenn ich diesen Ausdruck zulasse?

Und welche Möglichkeiten habe ich heute, die ich früher vielleicht nicht hatte?

Manchmal entsteht daraus mit der Zeit auch eine Antwort auf die Frage, was ich brauche.

Vielleicht ein Nein.

Vielleicht Abstand.

Vielleicht Nähe.

Vielleicht Worte.

Vielleicht Bewegung.

Vielleicht jemanden, der einfach da ist und zuhört.

Oder vielleicht zunächst nur die Möglichkeit, wahrzunehmen, was gerade in mir geschieht, ohne schon wissen zu müssen, was daraus folgen soll.

Heute muss ich nicht immer sofort wissen, was ich brauche. Aber ich habe die Möglichkeit, mir selbst zuzuhören und wahrzunehmen, was in mir nach Ausdruck, Schutz, Nähe, Abstand oder Veränderung verlangt.

Selbstbestimmung beginnt nicht mit Perfektion

Selbstbestimmung bedeutet für mich nicht, von heute an jede eigene Grenze rechtzeitig zu erkennen, immer Nein sagen zu können und nie wieder über mich hinwegzugehen.

Auch alte Möglichkeiten, mit dem Leben zurechtzukommen, verschwinden nicht unbedingt in dem Moment, in dem wir sie verstehen.

Aber etwas kann sich verändern.

Ich kann früher bemerken, was geschieht.

Ich kann verstehen, weshalb eine bestimmte Situation für mich so schwierig ist.

Ich kann starke Gefühle zunehmend in ihrem Zusammenhang wahrnehmen.

Und vielleicht kann ich irgendwann an einer Stelle anders handeln, an der mir das früher nicht möglich war.

Für mich liegt Selbstbestimmung nicht darin, immer richtig zu handeln. Sie zeigt sich dort, wo ich zunehmend wahrnehmen kann, was in mir geschieht und welche Möglichkeiten ich heute habe.

Vielleicht beginnt genau dort ein anderer Umgang mit den eigenen Grenzen.

Nicht im Kampf gegen mich selbst.

Sondern in einer genaueren Begegnung mit mir.

 

Über den Autor

Christian Strässle begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumtheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.

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