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Ferien als Spiegel: Wie lebst du Beziehung?

Ferien verändern unseren Alltag. Gewohnte Abläufe fallen weg, wir verbringen vielleicht mehr Zeit miteinander – und gleichzeitig entstehen neue Bedürfnisse nach Nähe, Freiheit und Rückzug. Gerade darin können Ferien etwas darüber sichtbar machen, wie wir Beziehung leben: mit anderen Menschen und mit uns selbst.

Ferien.

Für viele von uns ist damit eine Vorstellung verbunden.

Endlich aus dem Alltag herauskommen.

Durchatmen.

Zeit haben.

Vielleicht Sport treiben, wandern, am Wasser sein oder etwas Neues entdecken.

Vielleicht am Strand liegen, lesen und nichts tun müssen.

Ich mag beides.

Aktivität und Bewegung genauso wie Momente, in denen nichts geplant ist.

Und vielleicht liegt genau darin etwas Interessantes:

Wenn die gewohnten Strukturen des Alltags wegfallen, entsteht plötzlich Raum.

Aber dieser Raum fühlt sich nicht für jeden Menschen gleich an.

Wenn der Alltag wegfällt

Im Alltag ist vieles organisiert.

Arbeit.

Schule.

Termine.

Haushalt.

Verpflichtungen.

Vielleicht Sport und Freizeitaktivitäten.

Wir wissen häufig, was als Nächstes kommt.

In den Ferien kann vieles davon wegfallen.

Plötzlich verbringen Partnerinnen und Partner mehr Zeit miteinander.

Eltern und Kinder sind vielleicht den ganzen Tag zusammen.

Es gibt weniger äussere Vorgaben.

Und dann stellt sich eine ganz einfache Frage:

Was machen wir mit dieser gemeinsamen Zeit?

Vielleicht geniessen wir sie.

Vielleicht entstehen Konflikte.

Vielleicht möchte einer ausschlafen, während der andere früh aufbrechen will.

Das Kind möchte an den Pool, der Vater wandern, die Mutter vielleicht einfach lesen.

Einer möchte gemeinsam essen.

Ein anderer hat gerade keinen Hunger.

Einer möchte Nähe.

Ein anderer braucht Abstand.

Das alles muss zunächst kein Problem sein.

Es sind unterschiedliche Bedürfnisse.

Interessant kann werden, was geschieht, wenn diese Bedürfnisse aufeinandertreffen.

Wie viel Nähe ist richtig?

Darauf gibt es für mich keine allgemeine Antwort.

Vielleicht verbringt eine Familie gerne fast jeden Ferientag miteinander.

Eine andere Familie braucht immer wieder Zeiten, in denen jeder etwas Eigenes macht.

Ein Paar geniesst es, zwei Wochen fast ununterbrochen zusammen zu sein.

Ein anderes erlebt gerade die Möglichkeit zum Rückzug als wohltuend.

Keine dieser Formen ist für mich automatisch Ausdruck einer besseren Beziehung.

Die interessantere Frage ist:

Kann das, was ich brauche, in unserer Beziehung einen Platz haben?

Und genauso:

Kann das, was der andere braucht, einen Platz haben, auch wenn es nicht meinem Bedürfnis entspricht?

Das kann anspruchsvoll werden.

Denn Nähe und Distanz sind nicht nur organisatorische Fragen.

Sie können Gefühle berühren.

Wenn der andere etwas anderes möchte als ich

Vielleicht möchte ich einen gemeinsamen Ausflug machen.

Mein Partner möchte lieber allein lesen.

Was geschieht dann in mir?

Kann ich denken:

„Er braucht gerade Zeit für sich.“

Oder fühlt es sich an wie:

„Er will nicht mit mir zusammen sein.“

Vielleicht möchte mein Kind heute nicht mitkommen.

Kann ich sein Nein hören?

Oder entsteht in mir sofort:

„Wir sind doch als Familie hier. Jetzt machen wir etwas gemeinsam.“

Vielleicht möchte meine Partnerin etwas unternehmen, während ich Ruhe brauche.

Kann ich sagen:

„Heute möchte ich nicht.“

Oder bekomme ich Schuldgefühle?

Habe ich Angst, den anderen zu enttäuschen?

Oder sage ich Ja und merke später, dass ich eigentlich längst über meine eigene Grenze gegangen bin?

Solche Situationen interessieren mich.

Nicht weil eine bestimmte Reaktion richtig oder falsch wäre.

Sondern weil sie etwas in uns berühren können.

Was bedeutet das Nein des anderen für mich?

Ein Nein ist zunächst ein Nein.

„Ich möchte heute nicht mitkommen.“

Aber was ich darin höre, kann etwas ganz anderes sein.

Vielleicht höre ich:

„Du bist mir nicht wichtig.“

„Ich möchte nicht bei dir sein.“

„Mit dir macht es keinen Spass.“

„Du bist allein.“

Dann reagiere ich möglicherweise nicht nur auf das, was mein Gegenüber tatsächlich gesagt hat.

Ich reagiere auch auf das, was sein Nein in mir auslöst.

Vielleicht werde ich wütend.

Vielleicht ziehe ich mich beleidigt zurück.

Vielleicht beginne ich zu argumentieren.

Vielleicht versuche ich, den anderen umzustimmen.

Oder ich sage:

„Dann mach doch, was du willst.“

obwohl ich eigentlich traurig oder enttäuscht bin.

Dann kann eine andere Frage interessant werden:

Was geschieht gerade in mir?

Wenn Nähe Sicherheit geben soll

Wir Menschen können sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Beziehung gemacht haben.

Nähe kann sich sicher anfühlen.

Sie kann aber auch einengen.

Distanz kann Freiheit bedeuten.

Sie kann aber ebenso Angst auslösen.

Alleinsein kann wohltuend sein.

Oder kaum auszuhalten.

Vielleicht habe ich gelernt, dass Beziehung bedeutet, möglichst viel gemeinsam zu machen.

Vielleicht habe ich erfahren, dass Distanz mit Verlust verbunden war.

Vielleicht war Nähe in meiner Geschichte nicht immer sicher.

Oder ich habe gelernt, mich stark an den Bedürfnissen anderer Menschen zu orientieren, damit Beziehung erhalten bleibt.

Solche Erfahrungen können beeinflussen, wie ich heutige Situationen erlebe.

Sie bestimmen sie nicht zwangsläufig.

Aber sie können eine Rolle spielen.

Manchmal reagieren wir nicht nur auf das, was gerade geschieht. Eine gegenwärtige Situation kann auch etwas aus unserer eigenen Beziehungsgeschichte berühren.

Was einmal Schutz war

Vielleicht kenne ich die Strategie, mich anzupassen.

Ich mache mit, obwohl ich eigentlich etwas anderes möchte.

Vielleicht übernehme ich die Organisation.

Ich plane jeden Tag, damit keine Leere entsteht.

Vielleicht versuche ich, alle zusammenzuhalten.

Oder ich ziehe mich zurück, sobald es schwierig wird.

Vielleicht werde ich laut, wenn ich den Eindruck habe, dass niemand auf mich hört.

Solche Reaktionen möchte ich nicht vorschnell verurteilen.

Sie können einmal eine Bedeutung gehabt haben.

Vielleicht haben sie geholfen, mit Unsicherheit, Konflikten oder Angst zurechtzukommen.

Was einmal Schutz war, kann uns heute daran hindern, so zu leben, wie wir eigentlich leben möchten.

Ferien können solche Möglichkeiten, mit Beziehung umzugehen, manchmal deutlicher sichtbar machen, weil der gewohnte Alltag weniger davon überdeckt.

Und was brauche ich?

Diese Frage klingt einfach.

Was brauche ich?

Vielleicht Ruhe.

Bewegung.

Nähe.

Sexualität.

Zeit allein.

Ein Gespräch.

Gemeinsames Erleben.

Schlaf.

Abenteuer.

Oder einfach einen Tag ohne Plan.

Aber nicht immer wissen wir sofort, was wir brauchen.

Vielleicht haben wir lange gelernt, zuerst wahrzunehmen, was andere Menschen von uns erwarten.

Dann kann es ungewohnt sein, die Aufmerksamkeit auf uns selbst zu richten.

Und manchmal kann es auch unangenehm sein, ein eigenes Bedürfnis wahrzunehmen.

Denn dann könnte ich feststellen:

Ich möchte heute nicht das, was die anderen möchten.

Oder:

Mir fehlt etwas in unserer Beziehung.

Oder:

Ich brauche mehr Abstand.

Vielleicht auch:

Ich wünsche mir mehr Nähe.

Die Wahrnehmung eines Bedürfnisses verlangt noch keine sofortige Entscheidung.

Zunächst kann ich einfach bemerken:

Das ist gerade in mir.

Ein Bedürfnis ist noch keine Forderung

Diese Unterscheidung finde ich in Beziehungen wichtig.

Ich kann mir Nähe wünschen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass mein Gegenüber mir diese Nähe in diesem Moment geben kann oder möchte.

Ich kann Ruhe brauchen.

Das bedeutet nicht, dass meine Familie deshalb still sein muss.

Ich kann mir einen gemeinsamen Ferientag wünschen.

Der andere kann trotzdem etwas anderes wollen.

Mein Bedürfnis ist wirklich.

Und das Bedürfnis des anderen ebenfalls.

Dann kann Beziehung auch bedeuten, miteinander auszuhandeln, was möglich ist.

Vielleicht finden wir etwas Gemeinsames.

Vielleicht nicht.

Vielleicht verbringen wir einen Teil des Tages zusammen und einen Teil getrennt.

Vielleicht muss jemand mit seiner Enttäuschung umgehen.

Nicht jeder Unterschied lässt sich auflösen.

Gleichzeitig in Beziehung und bei mir selbst zu bleiben bedeutet für mich nicht, dass immer alle dasselbe wollen müssen.

Wenn Stille unruhig macht

Ferien können noch etwas anderes sichtbar machen.

Was geschieht mit mir, wenn plötzlich weniger zu tun ist?

Wenn keine E-Mails beantwortet werden müssen.

Wenn keine Sitzung ansteht.

Wenn niemand etwas von mir verlangt.

Wenn das Tagesgeschäft für einen Moment stillsteht.

Kann ich diese Ruhe geniessen?

Oder werde ich unruhig?

Beginne ich sofort, etwas zu organisieren?

Greife ich ständig zum Telefon?

Suche ich die nächste Aktivität?

Das muss nichts Bestimmtes bedeuten.

Vielleicht bin ich einfach ein Mensch, der gerne aktiv ist.

Aber vielleicht lohnt sich manchmal die Frage:

Was geschieht in mir, wenn nichts von mir verlangt wird?

Gerade für Menschen, die sich stark über Arbeit, Verantwortung oder Leistung erleben, kann das interessant sein.

Wer bin ich, wenn ich gerade nichts leisten muss?

Was bleibt, wenn meine berufliche Rolle für einen Moment in den Hintergrund tritt?

Alleinsein und Beziehung

Auch das Alleinsein kann in Ferien eine besondere Bedeutung bekommen.

Manche Menschen geniessen es.

Andere erleben es als schwierig.

Und auch das muss nicht bewertet werden.

Ich würde heute nicht mehr von aussen vermuten wollen, dass jemand Freunde mit in die Ferien nimmt, weil er nicht mit seinem Partner allein sein kann.

Vielleicht liebt dieser Mensch einfach Gemeinschaft.

Vielleicht gibt es aber tatsächlich etwas, das im Alleinsein oder in der Zweisamkeit schwer auszuhalten ist.

Beides ist möglich.

Die entscheidende Frage kann nur der betreffende Mensch selbst beantworten.

Vielleicht kann ich mich fragen:

Wie erlebe ich es, allein zu sein?

Wie erlebe ich Zweisamkeit?

Suche ich gerade Gemeinschaft, weil sie mir Freude macht?

Oder bemerke ich auch eine Unruhe, wenn ich mit mir selbst bin?

Es geht nicht darum, die richtige Antwort zu finden.

Es geht darum, dem eigenen Erleben näherzukommen.

Wenn Ferien Konflikte sichtbar machen

Manchmal entstehen gerade in Ferien Konflikte, von denen wir gehofft hatten, sie würden endlich verschwinden.

Jetzt haben wir doch Zeit.

Jetzt gibt es weniger Stress.

Jetzt müsste es doch schön sein.

Und trotzdem streiten wir.

Vielleicht sogar mehr als zu Hause.

Das kann enttäuschend sein.

Aber vielleicht bedeutet es nicht automatisch, dass mit der Beziehung etwas nicht stimmt.

Im Alltag gibt es viele Strukturen, Aufgaben und Ablenkungen.

Wenn davon einiges wegfällt, kann deutlicher werden, wie wir miteinander umgehen.

Wie sprechen wir miteinander, wenn wir Unterschiedliches wollen?

Wie gehen wir mit einem Nein um?

Kann ich eine Grenze ausdrücken?

Kann ich die Grenze des anderen hören?

Was geschieht, wenn ich enttäuscht bin?

Was geschieht, wenn der andere sich zurückzieht?

Kann ich einen Konflikt aushalten, ohne sofort eine Lösung erzwingen zu müssen?

Solche Fragen können unbequem sein.

Und vielleicht können sie gleichzeitig etwas sichtbar machen, das auch nach den Ferien Bedeutung hat.

Was gehört zu mir – und was gehört zum anderen?

Wenn es in einer Beziehung schwierig wird, kann der Blick sehr schnell beim anderen landen.

Wenn du nur anders wärst …

Wenn du endlich verstehen würdest …

Wenn du mehr mitmachen würdest …

Wenn du mir mehr Raum geben würdest …

Vielleicht ist manches davon berechtigt.

Beziehung besteht schliesslich nicht nur aus meinem inneren Erleben. Menschen können Grenzen überschreiten, Verantwortung vermeiden oder sich verletzend verhalten.

Und gleichzeitig kann ich mich fragen:

Was geschieht dabei mit mir?

Welche Gefühle werden in mir ausgelöst?

Welche Grenze nehme ich wahr?

Was wünsche ich mir?

Was davon kann ich selbst ausdrücken oder entscheiden?

Für mich bedeutet Selbstkontakt nicht, jedes Beziehungsproblem bei mir selbst zu suchen.

Es bedeutet auch nicht, das Verhalten eines anderen Menschen zu entschuldigen.

Etwas zu verstehen bedeutet nicht, es zu entschuldigen.

Ich kann mein eigenes Erleben verstehen und gleichzeitig feststellen, dass ich etwas nicht möchte.

Beziehung zu mir selbst

Die Frage aus dem ursprünglichen Gedanken dieses Beitrags bleibt für mich deshalb wichtig:

Wie lebe ich Beziehung mit mir selbst?

Kann ich wahrnehmen, wann ich müde bin?

Wann ich Nähe möchte?

Wann ich Ruhe brauche?

Wann ich etwas nur tue, weil ich Angst vor der Reaktion eines anderen habe?

Wann ich eine Grenze spüre?

Wann ich wütend werde?

Wann ich traurig bin?

Und kann ich mit mir selbst in Kontakt bleiben, auch wenn das, was ich wahrnehme, nicht angenehm ist?

Selbstkontakt bedeutet für mich nicht, immer ruhig, ausgeglichen oder liebevoll zu sein.

Vielleicht bin ich gerade wütend.

Vielleicht enttäuscht.

Vielleicht habe ich Angst.

Vielleicht möchte ich weg.

Vielleicht sehne ich mich nach Nähe.

Auch das gehört zu meinem Erleben.

Die Frage ist nicht, wie ich möglichst schnell wieder in einen angenehmen Zustand komme.

Vielleicht geht es zunächst darum, wahrzunehmen:

Das ist gerade in mir.

Ferien als Spiegel

Ein Spiegel sagt mir nicht, was ich tun soll.

Er zeigt etwas.

Vielleicht gefällt mir, was ich sehe.

Vielleicht nicht.

Vielleicht verstehe ich es.

Vielleicht bleibt zunächst eine Frage.

So können für mich auch Ferien sein.

Sie können zeigen, wie ich mit Nähe und Distanz umgehe.

Wie ich meine Bedürfnisse wahrnehme.

Wie ich auf die Bedürfnisse anderer reagiere.

Wie ich mit einem Nein umgehe.

Wie ich Alleinsein erlebe.

Wie viel Raum Arbeit und Leistung in meinem Leben einnehmen.

Und was in mir geschieht, wenn der Alltag für eine Weile stiller wird.

Daraus muss nicht sofort eine Veränderung entstehen.

Vielleicht genügt zunächst die Wahrnehmung.

Was erlebe ich gerade?

Was geschieht in unseren Beziehungen?

Was gehört zu mir?

Was gehört zum anderen?

Wo fühle ich mich frei?

Wo werde ich eng?

Wo möchte ich Nähe?

Wo brauche ich Abstand?

Und vielleicht entsteht daraus irgendwann eine weitere Frage:

Wie möchte ich Beziehung leben?

Ferien müssen nichts über unsere Beziehung beweisen. Aber sie können uns etwas zeigen, wenn wir bereit sind wahrzunehmen, was in uns und zwischen uns geschieht.

Über den Autor

Christian Strässle begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.

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