Es gibt Momente, in denen ich genau weiss, wohin ich möchte.
Eine Idee begeistert mich.
Ein Projekt fühlt sich stimmig an.
Ich habe Energie und möchte loslegen.
Und dann gibt es andere Momente.
Plötzlich sehe ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.
Zu viele Aufgaben.
Zu viele Möglichkeiten.
Zu viele Entscheidungen.
Und irgendwann weiss ich nicht mehr, wo ich anfangen soll.
Genau so einen Moment habe ich vor einiger Zeit erlebt.
Wenn Begeisterung etwas in Bewegung bringt
Ich kenne diese andere Seite sehr gut.
Wenn mich etwas begeistert, kann viel Energie entstehen.
So war es auch, als ich den Schritt in die Selbstständigkeit gegangen bin.
Ich habe mich mit Fragen beschäftigt wie:
Welche Möglichkeiten habe ich?
Welche Fähigkeiten bringe ich mit?
Was brauche ich noch?
Wo könnten Schwierigkeiten entstehen?
Welche Menschen können mich unterstützen?
Und dann habe ich begonnen.
Schritt für Schritt.
Aus Ideen wurden Projekte.
Aus Projekten entstanden neue Wege.
Manches entwickelte sich anders, als ich ursprünglich gedacht hatte.
Und manches begleitet mich bis heute.
Dabei waren immer wieder Menschen an meiner Seite.
Menschen, die etwas konnten, was ich nicht konnte.
Menschen, die mir zuhörten.
Menschen, die Fragen stellten.
Menschen, die ihre Perspektive einbrachten.
Das empfinde ich bis heute als wertvoll.
Denn Selbstständigkeit bedeutet für mich nicht, alles selbst können zu müssen.
Wenn aus vielen Möglichkeiten Überforderung wird
In den vergangenen Jahren hat sich auch technologisch unglaublich viel verändert.
Neue Möglichkeiten sind entstanden.
Künstliche Intelligenz ist Teil unseres Alltags geworden.
Auch meine Website und die Frage, wie meine Arbeit dort sichtbar wird, haben mich intensiv beschäftigt.
Wie beschreibe ich meine Arbeit so, dass sie wirklich meiner heutigen Haltung entspricht?
Welche Texte stimmen noch?
Was möchte ich verändern?
Was gehört nicht mehr zu mir?
Was muss technisch angepasst werden?
Und was bedeutet all das für die Menschen, die meine Website besuchen?
Irgendwann waren es so viele einzelne Themen, dass ich den Überblick verlor.
Ich sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.
Ich war überfordert.
Nicht theoretisch.
Sondern ganz konkret.
Ich wusste in diesem Moment einfach nicht mehr, wo ich anfangen sollte.
Eine einfache Frage
In einer Projektbesprechung mit meinem Freund und IT-Spezialisten Christian erzählte ich davon.
Er begleitet mich seit Jahren bei technischen Fragen rund um meine Website.
Und in diesem Gespräch sagte er sinngemäss:
„Wenn in der IT etwas schiefläuft und man in den verschiedenen Systemen nicht mehr weiterkommt, ist eine wichtige Frage: Was ist der nächste Schritt?“
Dieser Satz blieb bei mir.
Was ist der nächste Schritt?
Nicht:
Wie löse ich heute alles?
Nicht:
Wie bekomme ich die nächsten zwanzig Aufgaben gleichzeitig in den Griff?
Nicht:
Wie muss das fertige Ergebnis aussehen?
Sondern:
Was ist jetzt der nächste Schritt?
Diese Frage hat etwas in mir verändert.
Danke, Christian.
Ich kann immer nur einen Schritt gehen
Eigentlich ist es etwas sehr Einfaches.
Und vielleicht hat mich der Satz gerade deshalb so berührt.
Ich kann immer nur einen Schritt nach dem anderen gehen.
Ich kann eine E-Mail schreiben.
Einen Text bearbeiten.
Ein Gespräch führen.
Eine Entscheidung treffen.
Eine Seite meiner Website anschauen.
Eine Pause machen.
Oder feststellen:
Für heute ist genug.
Das grosse Ganze kann wichtig sein.
Ein Ziel kann Orientierung geben.
Ein Plan kann hilfreich sein.
Aber gelebt wird der Weg nicht als fertiges Ganzes.
Ich gehe ihn Schritt für Schritt.
Und manchmal sehe ich erst nach einem Schritt, was der nächste sein könnte.
Ich muss nicht immer den ganzen Weg kennen, um einen nächsten Schritt gehen zu können.
Der nächste Schritt muss nicht nach vorne führen
Dabei ist mir noch etwas wichtig geworden.
Wenn wir von einem „nächsten Schritt“ sprechen, klingt es schnell nach Fortschritt.
Weitermachen.
Produktiver werden.
Das Ziel erreichen.
Noch etwas erledigen.
Aber vielleicht ist der nächste Schritt etwas ganz anderes.
Vielleicht ist er:
innehalten.
Eine Pause machen.
Nein sagen.
Etwas nicht tun.
Eine Entscheidung vertagen.
Ein Projekt loslassen.
Jemanden anrufen.
Um Unterstützung bitten.
Weinen.
Mich bewegen.
Mich zurückziehen.
Oder zunächst einfach wahrnehmen, dass ich gerade nicht weiss, wie es weitergeht.
Auch das kann ein nächster Schritt sein.
Was geschieht eigentlich in mir?
Manchmal reicht eine praktische Entscheidung.
Ich habe zehn Aufgaben und entscheide, welche ich zuerst erledige.
Dann ist der nächste Schritt tatsächlich einfach eine Frage der Organisation.
Aber ich kenne auch Situationen, in denen etwas anderes geschieht.
Ich weiss eigentlich, was zu tun wäre – und kann es trotzdem nicht tun.
Ich möchte Nein sagen – und bringe das Nein nicht heraus.
Ich möchte eine Entscheidung treffen – und drehe mich immer wieder im Kreis.
Ich weiss, dass mir etwas nicht guttut – und bleibe trotzdem darin.
Oder eine vergleichsweise kleine Aufgabe löst in mir eine starke Überforderung aus.
Dann interessiert mich nicht nur:
„Was muss ich erledigen?“
Sondern:
„Was geschieht gerade in mir?“
Wenn das Heute etwas Älteres berührt
Es gibt Situationen, in denen unser gegenwärtiges Erleben möglicherweise mit früheren Erfahrungen in Berührung kommt.
Dann kann sich eine heutige Situation emotional ganz anders anfühlen, als sie von aussen betrachtet erscheint.
Eine Entscheidung fühlt sich vielleicht bedrohlich an.
Ein Nein löst Schuld oder Angst aus.
Ein Konflikt fühlt sich an, als könnte ich dadurch einen Menschen verlieren.
Eine Aufgabe erzeugt eine Ohnmacht, die sich kaum erklären lässt.
Für mich kann es dann hilfreich sein, nicht gegen dieses Erleben anzukämpfen.
Ich kann neugierig werden.
Was geschieht gerade in mir?
Was macht diese Situation für mich so schwierig?
Welches Gefühl zeigt sich?
Was geschieht in meinem Körper?
Womit könnte das verbunden sein?
Nicht jede Überforderung hat ihre Ursache in der Vergangenheit.
Und nicht hinter jeder Schwierigkeit muss etwas Verborgenes gefunden werden.
Aber manchmal kann eine gegenwärtige Situation mit Erfahrungen aus unserer Geschichte in Berührung kommen.
Diese Möglichkeit nehme ich ernst.
Verstehen kann etwas verändern
In meiner eigenen Auseinandersetzung habe ich erfahren, dass es einen Unterschied machen kann, wenn ich nicht nur gedanklich verstehe, was mit mir geschieht, sondern auch emotional einen Zusammenhang wahrnehmen kann.
Ein Gefühl muss dadurch nicht verschwinden.
Eine schwierige Situation löst sich nicht automatisch auf.
Und meine Geschichte wird dadurch nicht ungeschehen.
Aber etwas kann sich verändern.
Ein Gefühl, das mich vorher vollständig eingenommen hat, kann für mich verständlicher werden.
Ich kann vielleicht wahrnehmen:
Das, was ich gerade fühle, ist real.
Und gleichzeitig:
Meine heutige Situation ist möglicherweise nicht dieselbe wie damals.
Dadurch können auch meine Möglichkeiten im Heute wieder sichtbarer werden.
Für mich bedeutet emotionales Verstehen nicht, schwierige Gefühle loszuwerden. Es kann bedeuten, sie in ihrem Zusammenhang wahrzunehmen und dadurch im Heute anders mit ihnen umgehen zu können.
Was war damals möglich – und was ist heute möglich?
Diese Frage ist für mich bedeutsam.
Gerade sehr frühe Erfahrungen können mit einer Zeit verbunden sein, in der uns viele Möglichkeiten noch nicht zur Verfügung standen.
Vielleicht gab es noch keine Worte.
Vielleicht konnte eine Situation nicht verlassen werden.
Vielleicht war niemand da, bei dem das eigene Erleben ausreichend Platz fand.
Vielleicht gab es keine Möglichkeit, eine Grenze so auszudrücken, wie es einem Erwachsenen heute möglich ist.
Heute kann etwas anders sein.
Heute kann ich sprechen.
Ich kann Nein sagen.
Ich kann eine Grenze benennen.
Ich kann weinen.
Ich kann meine Wut wahrnehmen.
Ich kann meinen Körper bewegen oder mich schütteln, wenn Bewegung meinem Erleben entspricht.
Ich kann eine Situation verlassen.
Ich kann jemanden um Unterstützung bitten.
Und ich kann versuchen, Worte für etwas zu finden, für das ich früher vielleicht keine Worte hatte.
Das Vergangene wird dadurch nicht verändert.
Aber meine Möglichkeiten im Heute können andere sein.
Vielleicht ist manchmal genau das der nächste Schritt:
wahrzunehmen, was mir heute möglich ist.
Nicht jeder nächste Schritt muss allein gegangen werden
Eine weitere Erfahrung aus meinem eigenen Leben ist für mich wichtig:
Ich muss nicht alles allein können.
Bei meiner Website brauche ich Menschen, die technisch Dinge verstehen, die ich nicht verstehe.
Bei anderen Fragen suche ich das Gespräch mit Menschen, deren Perspektive für mich wertvoll ist.
Und manchmal kann es auch bei persönlichen Themen hilfreich sein, einem anderen Menschen zu begegnen.
Nicht weil dieser Mensch die Antwort über mich kennt.
Und nicht weil jemand von aussen meinen Weg für mich bestimmen kann.
Sondern weil Beziehung einen Raum schaffen kann, in dem ich mich selbst anders wahrnehme.
Ein anderer Mensch kann zuhören.
Eine Frage stellen.
Etwas wahrnehmen.
Da sein.
Und vielleicht kann ich dadurch etwas in mir selbst wahrnehmen, das vorher schwer zugänglich war.
Die Entscheidung, was für mich stimmt und welchen Schritt ich gehen möchte, bleibt bei mir.
Unterstützung anzunehmen ist ebenfalls eine Möglichkeit
Manchmal merke ich:
Hier komme ich gerade allein nicht weiter.
Auch das ist zunächst eine Wahrnehmung.
Ich muss daraus keine Schwäche machen.
Und ich muss auch nicht automatisch Unterstützung suchen.
Aber ich habe die Möglichkeit.
Vielleicht spreche ich mit einem Freund.
Mit meiner Partnerin oder meinem Partner.
Mit einem Menschen, dem ich vertraue.
Vielleicht brauche ich fachliche Unterstützung.
Oder vielleicht brauche ich zunächst Zeit für mich.
Entscheidend ist für mich nicht, dass es eine richtige Antwort gibt.
Sondern dass ich wahrnehmen kann:
Welche Möglichkeiten habe ich gerade?
Und:
Welche davon fühlt sich für mich im Moment stimmig an?
Und wenn ich den nächsten Schritt nicht weiss?
Auch das kenne ich.
Manchmal stelle ich mir die Frage:
„Was ist mein nächster Schritt?“
Und es kommt keine Antwort.
Dann möchte ich aus dieser Frage keinen neuen Leistungsanspruch machen.
Ich muss nicht sofort wissen, wie es weitergeht.
Vielleicht ist gerade das Nichtwissen da.
Vielleicht brauche ich Zeit.
Vielleicht muss etwas erst in mir ankommen.
Vielleicht ist die Situation noch zu unübersichtlich.
Dann kann mein nächster Schritt auch darin bestehen, noch keinen Schritt zu kennen.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Für mich ist es das nicht.
Denn auch dann kann ich bei mir bleiben und wahrnehmen:
Ich weiss es gerade nicht.
Und vielleicht zeigt sich später etwas, das ich im Moment noch nicht sehen kann.
Was ist jetzt mein nächster Schritt?
Die Frage meines Freundes ist bei mir geblieben.
Nicht als Methode, mit der sich jedes Problem lösen lässt.
Und auch nicht als Aufforderung, ständig weiterzugehen.
Sondern als Möglichkeit, in einem Moment von Überforderung wieder etwas näher zu mir und zur Gegenwart zu kommen.
Wenn ich den ganzen Wald nicht überblicken kann, kann ich vielleicht den Boden sehen, auf dem ich gerade stehe.
Und von dort aus fragen:
Was geschieht gerade in mir?
Was brauche ich?
Was ist mir heute möglich?
Brauche ich einen Schritt – oder brauche ich gerade eine Pause?
Möchte ich etwas allein tun oder jemanden hinzunehmen?
Und vielleicht:
Was ist jetzt mein nächster Schritt?
Die Antwort muss nicht gross sein.
Vielleicht ist sie überraschend klein.
Und vielleicht gibt es im Moment noch gar keine Antwort.
Auch das kann ich wahrnehmen.
Ich muss nicht heute wissen, wohin der ganze Weg führt. Vielleicht genügt es, mit mir selbst in Kontakt zu bleiben und wahrzunehmen, was jetzt möglich ist.
Über den Autor
Christian Strässle begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.