Über frühe Erfahrungen, emotionale Erinnerungen und die Möglichkeit, im Alleinsein verbunden zu sein.
Manchmal sitze ich allein in meinem Wohnzimmer.
Es ist still. Niemand ist da, mit dem ich gerade spreche. Ich nehme den Raum wahr, meinen Atem, vielleicht die Gedanken, die kommen und wieder gehen.
Und ich fühle mich wohl.
Ich bin allein. Aber ich fühle mich nicht einsam.
Das war nicht immer so.
Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der das Alleinsein mit einem tiefen emotionalen Schmerz verbunden war. Ein Schmerz, den ich als kleines Kind weder verstehen noch einordnen konnte.
Heute kann ich auf diese Zeit zurückblicken. Ich kann mich erinnern, ohne erneut von den damaligen Gefühlen überwältigt zu werden.
Und ich kann wahrnehmen, wie viel sich in mir verändert hat.
Wenn ein Kind sich alleingelassen fühlt
Ich war noch sehr jung, als ich die Erfahrung machte, von meinen Eltern getrennt zu sein.
Ich sehnte mich nach ihrer Nähe.
Nach meiner Mama. Nach meinem Papa.
Ich verstand nicht, weshalb sie nicht bei mir sein konnten. Ich fühlte mich allein, hilflos und verlassen.
Da waren Trauer, Wut, Scham und eine tiefe Empfindung von Ungerechtigkeit.
Wohin mit all diesen Gefühlen?
Ein Kind in diesem Alter kann solche Erfahrungen noch nicht mit dem Verstand begreifen. Es braucht Menschen, die ihm Nähe geben, die es wahrnehmen und ihm helfen, mit seinen Gefühlen umzugehen.
Wenn diese Nähe fehlt, kann etwas geschehen, das für das weitere Leben von Bedeutung bleibt.
Das Kind versucht, mit seiner emotionalen Not zurechtzukommen.
Vielleicht zieht es sich innerlich zurück. Vielleicht werden Gefühle unterdrückt oder abgespalten, weil sie in diesem Moment zu schmerzhaft sind.
Das geschieht nicht bewusst.
Es ist eine Möglichkeit, mit einer Situation umzugehen, für die das Kind noch keine anderen Möglichkeiten hat.
Und manchmal begleiten uns solche frühen Erfahrungen weit über die Kindheit hinaus.
Wenn sich etwas von damals wieder meldet
Viele Jahre später gab es in meinem Berufsalltag Situationen, in denen ich mich plötzlich überfordert fühlte.
Vielleicht gelang mir etwas nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Oder ich stand vor einer Herausforderung, für die ich gerade keine Lösung fand.
Und dann war da dieses Gefühl.
Ich bin allein.
Ich schaffe das nicht.
Manchmal war die emotionale Reaktion viel stärker, als es die gegenwärtige Situation erwarten liess.
Ich begann, genauer hinzuschauen.
Was ist gerade geschehen?
Was fühle ich?
Wo nehme ich dieses Gefühl in meinem Körper wahr?
Und woran erinnert es mich?
Immer wieder begegnete ich dabei meiner Kindheit.
Dem kleinen Jungen, der sich nach seinen Eltern sehnte und mit seiner Trauer, seiner Wut und seiner Einsamkeit allein war.
Ich erkannte zunehmend, dass eine Situation im Heute Gefühle berühren konnte, die ihren Ursprung weit zurück in meiner Vergangenheit hatten.
Was der Körper erinnert
Über ungefähr 25 Jahre habe ich dreieinhalb- bis viertausend Seiten Tagebuch geschrieben.
Ich schrieb über das, was ich erlebte. Über Begegnungen, Herausforderungen und Situationen, die mich emotional berührten.
Aber vor allem schrieb ich darüber, was diese Erfahrungen in mir auslösten.
Manchmal war es Einsamkeit. Manchmal Scham, Wut oder Trauer.
Ich versuchte nicht mehr, diese Gefühle möglichst schnell loszuwerden.
Ich wollte verstehen, was in mir geschah.
Und ich wollte nicht nur mit meinem Verstand verstehen.
Ich liess die Gefühle zu. Ich nahm sie körperlich wahr. Ich weinte, erinnerte mich, reflektierte und setzte mich auch in therapeutischer Begleitung mit meiner Geschichte auseinander.
Der Mediziner und Neurowissenschaftler Professor Dr. Joachim Bauer beschreibt in seinem Buch Das Gedächtnis des Körpers, wie eng zwischenmenschliche Erfahrungen mit unserem emotionalen Erleben und körperlichen Reaktionen verbunden sein können.
Auch die Bindungsforschung zeigt, dass frühe Beziehungserfahrungen unsere spätere Wahrnehmung von Nähe, Sicherheit und Verbundenheit beeinflussen können.
Für mich wurde dieser Zusammenhang über die Jahre immer deutlicher.
Es genügte mir nicht, zu wissen, weshalb ich als Kind einsam gewesen war.
Ich wollte auch den Gefühlen begegnen, die damals keinen Raum gefunden hatten.
Und mit der Zeit veränderte sich etwas.
Situationen, die früher starke emotionale Reaktionen in mir ausgelöst hatten, konnte ich zunehmend als das wahrnehmen, was sie gerade waren.
Die Vergangenheit blieb Teil meiner Geschichte.
Aber sie musste nicht mehr meine Gegenwart bestimmen.
Alleinsein ist nicht Einsamkeit
Heute kann ich einen Menschen vermissen.
Vielleicht wünsche ich mir, dass jemand bei mir wäre. Dass wir miteinander sprechen, lachen oder einen schönen Augenblick teilen könnten.
Dann kann ich Einsamkeit empfinden.
Das gehört für mich zum Menschsein.
Aber diese Einsamkeit ist nicht mehr zwangsläufig mit dem tiefen Alleingelassensein meiner Kindheit verbunden.
Ich kann wahrnehmen, dass ich gerade jemanden vermisse, ohne mich dabei wieder wie der kleine Junge zu fühlen, der sich damals so sehr nach seinen Eltern sehnte.
Und ich kann allein sein, ohne jemanden zu vermissen.
Ich sitze in meinem Wohnzimmer.
Ich bin da.
Ich nehme mich wahr.
Und ich fühle mich verbunden.
Mit mir selbst. Mit Menschen, die mir wichtig sind. Mit meiner Mama und meinem Papa.
Mein Vater ist inzwischen verstorben. Dennoch hat er einen liebevollen Platz in mir.
Dass ich diese Liebe heute so wahrnehmen kann, war ein langer Weg.
Ein Weg, auf dem viele Tränen geflossen sind.
Und ein Weg, auf dem ich nicht nur meiner Trauer begegnet bin.
Die Freude war auch immer da
Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich nicht nur an schmerzhafte Erfahrungen.
Ich erinnere mich auch an das Eis.
Schon früh stand ich auf Schlittschuhen.
Ich erinnere mich an meine Kumpels, an das Fangen spielen, an das gemeinsame Lachen.
An das Gefühl, wenn ich über das Eis glitt.
An die Geschwindigkeit, die Fliehkräfte in den Kurven, die Freiheit in der Bewegung.
Wenn ich heute davon erzähle, spüre ich diese Freude noch immer.
Hier, in meinem Herzen.
Es ist eine Lebensfreude, die ich nicht erst herstellen muss.
Sie ist da.
Auch beim Skifahren, wenn ich durch den Pulverschnee gleite. Oder wenn ich auf einer Skitour unterwegs bin, Schritt für Schritt einen Berg erklimme und die Weite der Natur wahrnehme.
In solchen Augenblicken bin ich ganz bei dem, was ich erlebe.
Ich fühle meinen Körper, meine Kraft, meine Lebendigkeit.
Und ich fühle Vertrauen.
Diese Freude gehört genauso zu meiner Geschichte wie die Erfahrungen von Einsamkeit und Schmerz.
Was ist heute da?
Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, empfinde ich Dankbarkeit.
Nicht, weil alles leicht gewesen wäre.
Sondern weil ich erfahren habe, dass sich meine Beziehung zu mir selbst verändern kann.
Ich kann meine Vergangenheit wahrnehmen, ohne mich auf sie reduzieren zu müssen.
Ich kann mich an das Kind erinnern, das ich einmal war, und ihm mit Mitgefühl begegnen.
Und ich kann zugleich der erwachsene Mensch sein, der ich heute bin.
Mit meiner Erfahrung. Mit meiner Würde. Mit meiner Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für mein Leben zu übernehmen.
Ich muss die Einsamkeit von damals nicht vergessen.
Sie gehört zu meiner Geschichte.
Aber sie muss nicht mehr bestimmen, wie ich mich heute erlebe.
Manchmal bin ich allein.
Manchmal vermisse ich einen Menschen.
Manchmal freue ich mich über die Stille und darüber, einfach bei mir zu sein.
Ich kann wahrnehmen, was gerade ist, ohne dass die Gefühle von damals zwangsläufig darüber bestimmen.
Und vielleicht liegt darin für mich eine wesentliche Erfahrung von innerer Freiheit.
Ich bin allein.
Ich bin verbunden.
Und ich bin hier. Jetzt.