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Wenn Gott nicht mehr zu meiner Geschichte passt

Was geschieht mit unserem Glauben, wenn wir Erfahrungen machen, für die wir keine Antwort finden? Über Wut auf Gott, Schmerz, Trauma – und die Möglichkeit, sich selbst dabei nicht zu verlassen.

Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich mit Gott gehadert habe.

Nicht, weil ich nicht glauben wollte.
Sondern weil ich nicht verstehen konnte.

Wenn es einen Gott gibt, der liebt – wo war dieser Gott dann, als mir Dinge geschahen, die einem Kind nicht geschehen sollten?

Diese Frage lässt sich für mich nicht mit einem Satz beantworten. Und schon gar nicht mit einer religiösen Erklärung.

Vielleicht ist genau das ein Teil meines Weges geworden: nicht mehr nach einer Antwort suchen zu müssen, die das Geschehene irgendwie erträglich, sinnvoll oder sogar notwendig erscheinen lässt.

Denn etwas zu verstehen bedeutet nicht, es zu entschuldigen.

Und manches, was einem Menschen geschieht, braucht vielleicht auch keine Erklärung.

Es braucht zunächst die Anerkennung:

Es ist geschehen.
Es hat wehgetan.
Und es hat etwas mit mir gemacht.

Wenn der Glaube keine Antwort gibt

Als Kind hatte ich noch nicht die Worte und Möglichkeiten, auszudrücken, was mit mir geschah.

Ein Kind ist abhängig von den Menschen, die es umgeben. Es kann vieles nicht einordnen. Es kann nicht einfach gehen. Es kann sich nicht auf dieselbe Weise schützen, wie es einem erwachsenen Menschen vielleicht möglich ist.

Und wenn zu dieser Welt auch ein Gott gehört, von dem gesagt wird, dass er liebt, schützt und da ist, kann irgendwann eine schmerzhafte Frage entstehen:

Warum hat er das zugelassen?

Vielleicht richtet sich die Wut dann gegen Gott.

Vielleicht verschwindet Gott ganz.

Vielleicht hält ein Mensch umso stärker an ihm fest.

Vielleicht wechseln sich Nähe und Ablehnung ab.

Ich glaube heute nicht mehr, dass es meine Aufgabe ist, einem Menschen zu sagen, welche dieser Reaktionen richtig ist.

Auch meine eigene Wut auf Gott musste nicht weg.

Ich muss meine Wut nicht in Liebe verwandeln

Lange hätte ich vielleicht gedacht, Entwicklung müsse irgendwann bedeuten, Frieden zu finden.

Mit meiner Geschichte.
Mit Menschen.
Vielleicht sogar mit Gott.

Heute sehe ich das anders.

Ich muss meine Wut nicht in Liebe verwandeln.

Wut kann etwas ausdrücken.

Sie kann damit verbunden sein, dass eine Grenze überschritten wurde. Dass etwas geschehen ist, das nicht hätte geschehen sollen. Dass ein Teil in mir sagt: Nein.

Die für mich entscheidendere Frage ist deshalb nicht mehr:

Wie werde ich diese Wut los?

Sondern:

Was geschieht in mir, wenn ich diese Wut wahrnehme?

Und vielleicht noch tiefer:

Welcher Schmerz ist möglicherweise mit ihr verbunden?

Ich habe die Möglichkeit, den Schmerz wahrzunehmen, der vielleicht mit meiner Wut verbunden ist – und dabei mit mir selbst in Kontakt zu bleiben.

Das ist für mich etwas anderes, als die Wut wegzumachen.

Vielleicht war Gott nicht das eigentliche Problem

Mit der Zeit habe ich mich auch gefragt, welchem Gott ich eigentlich böse war.

Dem Gott, den ich selbst erfahren hatte?

Oder einem Bild von Gott, das Menschen mir vermittelt hatten?

Einem Gott, der alles sieht.
Der alles kann.
Der mich beschützt.
Der einen Plan hat.
Der Leid zulässt, weil es angeblich einen Sinn haben soll.

Gerade der letzte Gedanke ist für mich schwierig geworden.

Wenn einem Kind Gewalt geschieht, möchte ich darin keinen höheren Sinn suchen.

Ich möchte nicht sagen, dass es geschehen musste, damit daraus später etwas Gutes entstehen konnte.

Was mir geschehen ist, hat meinen Lebensweg geprägt. Ich habe mich damit auseinandergesetzt. Vieles davon hat auch beeinflusst, wie ich heute Menschen begegne.

Aber daraus folgt für mich nicht, dass das Geschehene notwendig oder gewollt war.

Dass aus Schmerz etwas entstehen kann, macht den Schmerz nicht notwendig.

Dieser Unterschied ist mir wichtig.

Trauma kann auch das Gottesbild berühren

In der Psychotraumaforschung wird zunehmend untersucht, wie traumatische Erfahrungen und Spiritualität miteinander verbunden sein können.

Dabei zeigt sich ein vielschichtiges Bild. Glaube und Spiritualität können Menschen Halt, Verbundenheit und Sinn geben. Gleichzeitig können schwere Erfahrungen religiöse und spirituelle Konflikte auslösen: Zweifel, Wut auf Gott, das Erleben von Verlassenheit oder die Frage, warum Gott nicht eingegriffen hat. Eine Metaanalyse zu zwischenmenschlichen Traumatisierungen fand bei einem Teil der Betroffenen deutliche Veränderungen religiöser Überzeugungen – sowohl hin zu stärkerem als auch hin zu schwächerem Glauben.

Andere Untersuchungen zeigen ebenfalls, dass gerade der spirituelle Konflikt nach Trauma bedeutsam sein kann. Dabei geht es beispielsweise um Zweifel, das Erleben eines strafenden oder abwesenden Gottes oder darum, dass bisherige Vorstellungen von Sinn und Welt nicht mehr tragen.

Für mich sind solche Beobachtungen wichtig.

Nicht weil eine Studie erklären könnte, was ein einzelner Mensch mit Gott erlebt.

Sondern weil sie etwas sichtbar machen, das leicht übergangen wird:

Eine traumatische Erfahrung kann nicht nur unser Verhältnis zu anderen Menschen und zu uns selbst berühren. Sie kann auch unser Verhältnis zu dem erschüttern, woran wir geglaubt haben.

Vielleicht braucht auch der Glaube Freiheit

Ich habe heute keine abschliessende Antwort auf die Frage, wo Gott in meinem Leid war.

Vielleicht brauche ich diese Antwort auch nicht mehr in derselben Weise.

Mein Verhältnis zu Gott ist nicht dadurch lebendiger geworden, dass ich meine Wut überwunden hätte.

Eher dadurch, dass ich aufgehört habe, Gott gegenüber etwas Bestimmtes fühlen zu müssen.

Ich kann wütend sein.

Ich kann zweifeln.

Ich kann traurig sein.

Ich kann mich verbunden fühlen.

Und ich kann Zeiten erleben, in denen ich überhaupt nichts davon empfinde.

Selbstkontakt bedeutet für mich nicht, immer ruhig, ausgeglichen oder liebevoll zu sein.

Es bedeutet eher, mich selbst nicht verlassen zu müssen, wenn etwas schwierig wird.

Vielleicht gilt das auch für meinen Glauben.

Was bleibt?

Vielleicht ist meine Beziehung zu Gott heute weniger eindeutig als früher.

Aber möglicherweise ist sie gerade deshalb ehrlicher geworden.

Ich brauche keinen Gott, mit dem ich meine Geschichte erklären muss.

Und ich brauche keinen Glauben, der verlangt, dass ich das Geschehene vergebe, gutheisse oder mit einem höheren Sinn versehe.

Was ich brauche, ist die Möglichkeit, meiner eigenen Erfahrung nicht widersprechen zu müssen.

Vielleicht beginnt dort etwas, das ich heute eher mit Glauben verbinden kann:

Nicht die Gewissheit, auf alles eine Antwort zu haben.

Sondern die Möglichkeit, mit meinen Fragen, meiner Wut, meinem Schmerz und auch meiner Hoffnung da zu sein.

Ohne mich selbst dabei verlassen zu müssen.


Vielleicht eine Frage an dich

Welche Vorstellungen über Gott, Liebe, Schuld oder Vergebung hast du übernommen?

Und welche davon entsprechen heute noch deiner eigenen Erfahrung?

Vielleicht geht es nicht darum, darauf sofort eine Antwort zu finden.

Vielleicht kann es zunächst genügen, die Frage überhaupt stellen zu können.

Über den Autor

Christian Strässle begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.

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