Resilienz ist in aller Munde.
Wir begegnen Atemübungen, Achtsamkeit, Meditation, positivem Denken, mentalem Training und vielen weiteren Möglichkeiten, mit Stress und Belastung umzugehen.
Vieles davon kann hilfreich sein.
Und trotzdem beschäftigt mich eine Frage:
Was bedeutet es eigentlich, resilient zu sein?
Bedeutet es, nach einer schwierigen Erfahrung möglichst schnell wieder zu funktionieren?
Mich beruhigen zu können?
Positiv zu bleiben?
Oder könnte Resilienz auch etwas damit zu tun haben, wie ich mir selbst begegne, wenn es gerade nicht gut geht?
Diese Frage ist für mich wesentlich geworden.
Atmen kann helfen
Wenn wir unter Stress stehen, verändert sich häufig auch unsere Atmung.
Sie kann schneller werden.
Flacher.
Vielleicht halten wir unbewusst den Atem an.
Umgekehrt kann es wohltuend sein, die Aufmerksamkeit bewusst auf den Atem zu richten.
Ich kenne Situationen, in denen mir das hilft.
Ich werde aufmerksamer für meinen Körper.
Ich kann mich orientieren.
Ich nehme wahr, wo ich gerade bin.
Vielleicht entsteht etwas mehr Abstand zu dem, was mich im Moment überwältigt.
Deshalb möchte ich Atemübungen keineswegs abwerten.
Sie können eine wertvolle Möglichkeit sein, mit einer belastenden Situation umzugehen.
Für mich entsteht aber noch eine weitere Frage:
Was geschieht mit dem Gefühl, das gerade da ist?
Beruhigen – und trotzdem wahrnehmen
Manchmal brauchen wir zunächst etwas, das uns hilft, eine intensive Situation auszuhalten.
Vielleicht ist das der Atem.
Vielleicht Bewegung.
Vielleicht ein Gespräch.
Vielleicht Abstand.
Vielleicht die Anwesenheit eines vertrauten Menschen.
Vielleicht einfach Zeit.
Ich sehe darin keinen Widerspruch zur emotionalen Auseinandersetzung.
Nicht jedes Gefühl muss in dem Moment vollständig ergründet werden, in dem es auftaucht.
Und nicht jede Stressreaktion verlangt nach einer tiefen biografischen Erklärung.
Aber ich kenne aus meiner eigenen Auseinandersetzung auch Situationen, in denen ein Gefühl immer wieder auftaucht.
Vielleicht eine starke Angst.
Wut.
Scham.
Ohnmacht.
Traurigkeit.
Oder ein Gefühl, einer Situation ausgeliefert zu sein.
Dann kann es für mich interessant werden, nicht nur zu fragen:
Wie bekomme ich dieses Gefühl wieder weg?
Sondern:
Was geschieht eigentlich in mir?
Wenn das Heute etwas aus meiner Geschichte berührt
Eine gegenwärtige Situation kann emotional mit früheren Erfahrungen in Berührung kommen.
Das bedeutet nicht, dass jede starke Reaktion aus einem Trauma entstehen muss.
Aber manchmal erscheint die Intensität eines Gefühls im Verhältnis zur aktuellen Situation aussergewöhnlich gross.
Ein Nein fällt mir unglaublich schwer.
Eine Kritik fühlt sich existenziell bedrohlich an.
Ein Konflikt löst die Angst aus, einen Menschen zu verlieren.
Ich fühle mich plötzlich vollkommen hilflos.
Oder eine Situation von Nähe oder Distanz löst Gefühle aus, die ich zunächst nicht verstehen kann.
Dann kann eine Frage entstehen:
Womit könnte mein gegenwärtiges Erleben verbunden sein?
Für mich ist diese Frage keine fertige Erklärung.
Sie öffnet einen Raum.
Was einmal Schutz war
Menschen entwickeln Möglichkeiten, mit schwierigen Lebensbedingungen zurechtzukommen.
Wir können kämpfen.
Fliehen.
Erstarren.
Uns anpassen.
Uns zurückziehen.
Besonders leistungsfähig werden.
Versuchen, alles unter Kontrolle zu halten.
Oder uns stark an anderen Menschen orientieren.
Ich möchte solche Reaktionen nicht vorschnell als Fehlverhalten betrachten.
Sie können in einer bestimmten Lebenssituation eine wichtige Bedeutung gehabt haben.
Was einmal Schutz war, kann uns heute daran hindern, so zu leben, wie wir eigentlich leben möchten.
Für mich beginnt Veränderung deshalb nicht damit, gegen diese Reaktionen anzukämpfen.
Mich interessiert zunächst:
Weshalb war diese Möglichkeit für mich einmal wichtig?
Und:
Brauche ich sie heute noch in derselben Weise?
Gefühle müssen nicht weg
Gerade beim Thema Resilienz entsteht für mich manchmal ein Bild, als müsse ein resilienter Mensch seine Gefühle besonders gut unter Kontrolle haben.
Er beruhigt sich schnell.
Er bleibt handlungsfähig.
Er lässt sich nicht aus der Bahn werfen.
Aber entspricht das wirklich unserem menschlichen Erleben?
Auch ein Mensch, der mit sich selbst verbunden ist, kann Angst haben.
Er kann wütend sein.
Traurig.
Verzweifelt.
Überfordert.
Oder für einen Moment nicht wissen, wie es weitergeht.
Für mich ist Selbstkontakt nicht gleichbedeutend mit innerer Ruhe.
Ich muss meine Wut nicht in Liebe verwandeln.
Ich habe die Möglichkeit, den Schmerz wahrzunehmen, der vielleicht mit ihr verbunden ist – und dabei mit mir selbst in Kontakt zu bleiben.
Das verändert für mich auch den Blick auf Resilienz.
Vielleicht zeigt sie sich nicht nur darin, wie schnell ich mich beruhigen kann.
Vielleicht auch darin, ob ich bei mir bleiben kann, wenn es schwierig wird.
Emotional verstehen
Etwas gedanklich zu verstehen und etwas emotional zu verstehen, ist für mich nicht immer dasselbe.
Ich kann beispielsweise wissen:
„Diese Situation ist nicht gefährlich.“
Und trotzdem grosse Angst erleben.
Ich kann wissen:
„Ich kann Nein sagen.“
Und trotzdem bringt mein Körper das Nein kaum hervor.
Ich kann wissen:
„Dieser Mensch verlässt mich nicht nur deshalb, weil wir unterschiedlicher Meinung sind.“
Und trotzdem kann sich ein Konflikt existenziell bedrohlich anfühlen.
In meiner eigenen Auseinandersetzung habe ich erfahren, dass sich etwas verändern kann, wenn ich solchen Gefühlen begegne und emotional besser verstehe, womit sie für mich verbunden sind.
Das Gefühl muss dadurch nicht einfach verschwinden.
Meine Geschichte wird nicht ungeschehen.
Aber das Gefühl kann sein Gewicht verändern.
Was vorher überwältigend oder bedrohlich erschien, kann zunehmend in einen Zusammenhang kommen.
Für mich bedeutet emotionales Verstehen nicht, schwierige Gefühle loszuwerden. Es kann bedeuten, sie in ihrem Zusammenhang wahrzunehmen und dadurch im Heute anders mit ihnen umgehen zu können.
Damals hatte ich andere Möglichkeiten
Gerade bei sehr frühen Erfahrungen ist diese Unterscheidung für mich bedeutsam.
In sehr frühen Lebensphasen hatte ich noch gar nicht die Worte und Möglichkeiten, auszudrücken, was mit mir geschah.
Ich konnte nicht sagen:
Ich habe Angst.
Das tut mir weh.
Ich will das nicht.
Hör auf.
Ich brauche jemanden.
Ein Säugling und ein kleines Kind können sich selbstverständlich ausdrücken – durch Schreien, Weinen, Bewegung, Körperspannung, Hinwendung und Abwendung.
Aber sie sind darauf angewiesen, dass andere Menschen ihre Signale wahrnehmen.
Sie können eine belastende Situation nicht einfach verlassen oder auf dieselbe Weise verändern, wie es einem erwachsenen Menschen heute möglich ist.
Wenn eine Situation im Heute emotional mit einem solchen frühen Erleben in Berührung kommt, kann sich deshalb auch die damalige Ohnmacht sehr gegenwärtig anfühlen.
Und genau hier ist für mich eine Frage wichtig geworden:
Was war mir damals nicht möglich – und was ist mir heute möglich?
Heute kann ich mich ausdrücken
Heute bin ich erwachsen.
Ich kann sprechen.
Ich kann Nein sagen.
Ich kann eine Grenze benennen.
Ich kann weinen.
Ich kann meine Wut wahrnehmen und ihr Ausdruck geben.
Ich kann meinen Körper bewegen oder mich schütteln, wenn Bewegung meinem Erleben entspricht.
Ich kann eine Situation verlassen.
Ich kann jemanden um Unterstützung bitten.
Und ich kann Worte für etwas finden, für das ich früher vielleicht keine Worte hatte.
Gleichzeitig habe ich lernen müssen, dass Ausdruck für mich nicht bedeutet, jedes Gefühl ungefiltert an jedem Ort und gegenüber jedem Menschen auszuleben.
Auch die Frage wie, wo und gegenüber wem ich etwas ausdrücke, gehört für mich zu meinen heutigen Möglichkeiten.
Wut wahrzunehmen ist etwas anderes, als einen anderen Menschen zu verletzen.
Eine Grenze zu spüren ist etwas anderes, als sie dem anderen als Vorwurf entgegenzuhalten.
Vielleicht liegt auch darin ein Teil von Resilienz:
Ich bin meinem Erleben nicht nur ausgeliefert. Ich habe heute Möglichkeiten, damit umzugehen, die mir früher vielleicht nicht zur Verfügung standen.
Was hat das mit IoPT zu tun?
Die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT) nach Franz Ruppert ist eine der fachlichen Grundlagen, die mein Verständnis dieser Zusammenhänge geprägt haben.
Dabei interessiert mich weniger die Frage:
„Wie werde ich möglichst resilient?“
Mich interessieren grundlegendere Fragen:
Wer bin ich?
Was will ich?
Was geschieht in mir?
Was gehört zu mir?
Womit könnte mein gegenwärtiges Erleben verbunden sein?
In der Selbstbegegnung kann es möglich werden, dem eigenen Erleben und der eigenen Geschichte zu begegnen.
Nicht mit dem Ziel, möglichst schnell wieder zu funktionieren.
Und auch nicht mit dem Versprechen, dass schwierige Gefühle danach verschwunden sind.
Für mich geht es vielmehr darum, Zusammenhänge wahrnehmen und sich selbst darin besser verstehen zu können.
IoPT ist dabei für mich eine theoretische und fachliche Grundlage.
Meine Arbeit mit Menschen findet im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung statt.
Ich biete keine Psychotraumatherapie oder Psychotherapie an.
Resilienz ist für mich kein Panzer
Vielleicht liegt eines meiner Probleme mit dem Begriff Resilienz darin, welches Bild damit entstehen kann.
Der resiliente Mensch hält mehr aus.
Er steht schneller wieder auf.
Er ist belastbarer.
Er funktioniert auch unter schwierigen Bedingungen.
Gerade in unserer Arbeitswelt kann daraus schnell eine problematische Botschaft werden:
Der Mensch muss widerstandsfähiger werden, damit er noch mehr Belastung aushält.
Das ist nicht das Verständnis von Resilienz, das mich interessiert.
Denn manchmal ist die gesunde Reaktion auf eine Situation vielleicht gerade nicht, noch belastbarer zu werden.
Vielleicht ist sie:
Nein.
Vielleicht:
So möchte ich nicht mehr arbeiten.
Vielleicht:
Diese Beziehung tut mir nicht gut.
Vielleicht:
Ich brauche Unterstützung.
Oder:
Hier ist meine Grenze.
Resilienz bedeutet für mich nicht, einen immer stärkeren Panzer zu entwickeln. Vielleicht zeigt sie sich auch darin, wahrnehmen zu können, wann ich mich nicht weiter anpassen möchte.
Selbstkontakt statt Selbstoptimierung
Deshalb möchte ich Resilienz nicht als weiteres Projekt der Selbstoptimierung verstehen.
Nicht:
Wie werde ich noch stärker?
Wie funktioniere ich besser unter Druck?
Wie bekomme ich meine Gefühle schneller in den Griff?
Sondern vielleicht:
Was geschieht gerade in mir?
Was fühle ich?
Was brauche ich?
Wo ist meine Grenze?
Womit könnte mein Erleben verbunden sein?
Welche Möglichkeiten habe ich heute?
Manchmal hilft mir dabei vielleicht mein Atem.
Manchmal ein Gespräch.
Manchmal Bewegung.
Manchmal eine Pause.
Und manchmal kann es bedeutsam sein, mich tiefer mit dem auseinanderzusetzen, was eine Situation in mir berührt.
Diese Möglichkeiten müssen für mich nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Vielleicht bedeutet Resilienz nicht, dass mich nichts mehr erschüttern kann. Für mich kann sie darin liegen, mich selbst auch dann nicht aus dem Blick zu verlieren, wenn etwas mich erschüttert.
Und vielleicht entsteht daraus mit der Zeit etwas, das ich tatsächlich als innere Widerstandskraft bezeichnen würde.
Nicht weil ich alles aushalten kann.
Sondern weil ich zunehmend wahrnehmen kann, was mit mir geschieht – und welche Möglichkeiten ich heute habe, damit umzugehen.
Über den Autor
Christian Strässle begleitet Menschen in Veränderungsprozessen im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung. In seine Arbeit fliessen langjährige Berufserfahrung, systemisches Denken und die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT) als fachliche Grundlage ein.