TRAUMA VERSTEHEN · ST. GALLEN

Trauma verstehen

Wenn frühere Erfahrungen im heutigen Leben weiterwirken

Manche Reaktionen in unserem Leben erscheinen uns zunächst unverständlich.

Wir ziehen uns zurück, obwohl wir uns nach Nähe sehnen. Wir versuchen, alles unter Kontrolle zu halten. Oder wir reagieren in bestimmten Situationen stärker, als wir es eigentlich möchten.

Vielleicht lohnt es sich dann, nicht nur zu fragen, was heute geschieht – sondern auch, welche Geschichte damit verbunden sein könnte.

Was verstehen wir unter Trauma?

Zum Leben gehören Erfahrungen, die uns belasten, verletzen oder überfordern können. Nicht jede schwierige Erfahrung ist deshalb ein Trauma.

Traumatische Erfahrungen können dort entstehen, wo ein Geschehen die Möglichkeiten eines Menschen, damit umzugehen, erheblich überfordert – insbesondere dann, wenn weder Kampf noch Flucht oder ausreichender Schutz möglich erscheinen.

Trauma muss dabei nicht immer mit einem einzelnen, aussergewöhnlichen Ereignis verbunden sein.

Gerade in der Kindheit können auch wiederholte Erfahrungen von Gewalt, Vernachlässigung, emotionaler Nichtverfügbarkeit, fehlendem Schutz oder anhaltender Überforderung eine Rolle spielen. In diesem Zusammenhang wird häufig von Entwicklungstrauma gesprochen.

Wie ein Mensch Erfahrungen verarbeitet und welche Bedeutung sie für sein späteres Leben bekommen, ist individuell.

Nicht eine einzelne Reaktion erzählt die Geschichte eines Menschen.

Wenn Schutz weiterwirkt

Menschen entwickeln unterschiedliche Möglichkeiten, mit schwierigen oder überfordernden Erfahrungen zurechtzukommen.

Wir ziehen uns vielleicht zurück.

Wir passen uns an.

Wir versuchen, Situationen zu kontrollieren.

Wir halten Gefühle auf Abstand.

Oder wir lernen, besonders gut zu funktionieren.

Solche Reaktionen können einmal eine wichtige Funktion gehabt haben.

Schwierig kann es werden, wenn sie weiterwirken, obwohl die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.

Dann kann Rückzug Nähe erschweren. Kontrolle kann Vertrauen im Weg stehen. Anpassung kann dazu führen, dass eigene Bedürfnisse kaum noch wahrgenommen werden.

Was einmal Schutz war, kann uns heute daran hindern, so zu leben, wie wir eigentlich leben möchten.

Vielleicht verändert sich der Blick auf uns selbst, wenn wir nicht mehr nur fragen:

Was stimmt nicht mit mir?

sondern auch:

Was ist mir geschehen – und was habe ich daraus gelernt, um mit meinem Leben zurechtzukommen?

Wenn Vergangenheit und Gegenwart sich berühren

Manchmal reagieren wir in einer gegenwärtigen Situation stärker, als wir selbst erwarten.

Eine Bemerkung trifft uns tief. Nähe löst Unbehagen aus. Ein Konflikt führt zu grosser Wut oder Angst. Oder unser Körper reagiert, bevor wir überhaupt verstehen, was gerade geschieht.

Solche Reaktionen können unterschiedliche Ursachen haben.

Manchmal können gegenwärtige Situationen etwas berühren, das mit früheren Erfahrungen verbunden ist.

Auch sehr frühe Lebensphasen können dabei von Bedeutung sein. Innerhalb der IoPT wird Erfahrungen während Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Für mich ist dabei wichtig, eine theoretische Perspektive nicht mit der tatsächlichen Geschichte eines Menschen gleichzusetzen.

Eine heutige Reaktion erlaubt keinen sicheren Rückschluss darauf, was einem Menschen früher oder beispielsweise während seiner Geburt geschehen ist.

Wir können hinschauen, welche Zusammenhänge sich zeigen – ohne sie bereits vorher festzulegen.

Trauma im Verständnis der IoPT

Die Identitätsorientierte Psychotraumtheorie (IoPT) wurde von Prof. Dr. Franz Ruppert entwickelt.

Innerhalb dieses Modells wird Trauma nicht nur als belastendes Ereignis betrachtet. Im Mittelpunkt steht auch die Frage, was psychisch geschehen kann, wenn eine Erfahrung für einen Menschen nicht bewältigbar ist.

Die IoPT beschreibt als mögliche Folge psychische Spaltungen und die Entwicklung von Überlebensstrategien.

Dieses Modell ist eine wesentliche Grundlage meiner Arbeit.

Gleichzeitig bleibt es ein Modell, mit dem wir auf menschliches Erleben schauen können.

Ein theoretisches Modell ist nicht die Geschichte eines Menschen.

Psychotraumtheorie ist nicht Psychotraumatherapie

In der Auseinandersetzung mit Trauma begegnen unterschiedliche Begriffe wie Psychotraumatologie, Psychotraumatherapie und Psychotraumtheorie.

Die Identitätsorientierte Psychotraumtheorie (IoPT) bildet eine wesentliche fachliche Grundlage meiner Arbeit.

Dabei ist mir eine Unterscheidung wichtig:

Ich arbeite auf Grundlage einer Psychotraumtheorie. Ich biete keine Psychotraumatherapie oder Psychotherapie an.

Meine Arbeit findet im Rahmen von Coaching, Beratung und traumasensibler Begleitung statt. Sie ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung.

Wenn du genauer wissen möchtest, wie ich mit der Anliegen-Methode auf Grundlage der IoPT arbeite:

Anliegenarbeit kennenlernen →

Wenn eine Überlebensstrategie heute zum Problem wird

Der Begriff „Überlebensstrategie“ kann zunächst so klingen, als handle es sich um etwas, das wir möglichst schnell loswerden sollten.

So verstehe ich ihn nicht.

Wenn Rückzug, Kontrolle, Anpassung oder emotionale Distanz einmal dazu beigetragen haben, mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen, hatten sie möglicherweise eine wichtige Funktion.

Deshalb interessiert mich nicht zuerst:

Wie werde ich dieses Verhalten los?

Sondern:

Womit könnte es verbunden sein?

Was geschieht in mir, wenn ich so reagiere?

Und brauche ich diesen Schutz heute noch in derselben Weise?

Verstehen bedeutet dabei nicht, alles gutzuheissen oder unverändert weiterzuführen.

Es kann vielmehr die Möglichkeit eröffnen, anders auf das zu schauen, was bisher vielleicht nur als störend, falsch oder selbstschädigend erlebt wurde.

Was ist mit Wut, Angst oder Traurigkeit?

Auch starke Gefühle können eine Geschichte haben.

Wut kann dort entstehen, wo Grenzen verletzt wurden.

Angst kann mit Erfahrungen verbunden sein, in denen wir uns nicht sicher fühlten.

Traurigkeit kann uns mit Verlust oder Schmerz in Berührung bringen.

Das bedeutet nicht, dass wir bei jedem Gefühl nach einem Trauma suchen müssen.

Aber wir können uns dafür interessieren, was ein Gefühl mit unserem gegenwärtigen Erleben und möglicherweise mit unserer Geschichte zu tun hat.

Es geht für mich deshalb nicht zuerst darum, schwierige Gefühle zum Verschwinden zu bringen.

Es kann darum gehen, sie wahrzunehmen und zu verstehen, womit sie verbunden sein könnten.

Selbstverbundenheit bedeutet nicht, dass es in mir immer ruhig sein muss.

Nicht alles muss mit Trauma erklärt werden

Wenn wir beginnen, uns mit Trauma zu beschäftigen, kann die Versuchung entstehen, plötzlich jede Schwierigkeit, jede Beziehung und jede Reaktion damit zu erklären.

Das wäre für mich zu kurz gegriffen.

Menschen sind mehr als ihre traumatischen Erfahrungen.

Unser heutiges Erleben kann mit unserer Geschichte verbunden sein – und gleichzeitig spielen unsere gegenwärtigen Beziehungen, Lebensbedingungen, Entscheidungen und viele andere Faktoren eine Rolle.

Auch eine Diagnose oder ein theoretisches Modell kann Orientierung geben. Beides erzählt jedoch nicht die ganze Geschichte eines Menschen.

Verstehen bedeutet für mich nicht, für alles eine Erklärung finden zu müssen.

Wenn du dich weiter mit dem Thema beschäftigen möchtest

Mein Verständnis von Trauma, Bindung und Identität ist über viele Jahre gewachsen – durch Aus- und Weiterbildungen, fachlichen Austausch und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Autorinnen, Autoren und theoretischen Perspektiven.

Einige der Bücher und Quellen, die mich dabei begleitet, herausgefordert oder zum Weiterdenken angeregt haben, findest du in meinem Literaturverzeichnis.

Literatur zu Trauma, Bindung & Identität →

Wenn du deine eigene Geschichte besser verstehen möchtest

Vielleicht erkennst du in diesen Gedanken etwas von deinem eigenen Erleben wieder.

Das bedeutet nicht, dass du wissen musst, ob du ein Trauma erlebt hast oder welche Ursache hinter einer heutigen Schwierigkeit liegt.

Ausgangspunkt meiner Begleitung ist das, was dich heute beschäftigt.

In der persönlichen Begleitung können wir gemeinsam hinschauen, welche Zusammenhänge sich zeigen und welche Bedeutung sie für dich haben könnten.

Wenn du genauer wissen möchtest, wie ich mit einem persönlichen Anliegen arbeite, findest du dazu mehr auf der Seite zur Anliegenarbeit und Selbstbegegnung.

PERSÖNLICHE BEGLEITUNG

Mit dem beginnen, was dich heute beschäftigt, und gemeinsam hinschauen, welche Zusammenhänge sich zeigen.
Persönliche Begleitung

ANLIEGENARBEIT & SELBSTBEGEGNUNG

Mehr darüber erfahren, wie eine Selbstbegegnung mit einem persönlichen Anliegen aussehen kann.
Anliegenarbeit kennenlernen

Eine wichtige Einordnung

Meine Begleitung ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung.

Bei akuten oder schweren psychischen Beschwerden ist eine entsprechende medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Fachperson die richtige Anlaufstelle.

Eine begleitende Zusammenarbeit kann – wenn sie sinnvoll erscheint – in Absprache mit behandelnden Fachpersonen stattfinden.